Abenteuerlicher Panchase Trail
Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …
Im Harmonie Gasthaus bekommen wir ein schönes Zimmer mit Toilette und Dusche und weil wir vorhaben,
hier für einige Zeit zu bleiben, bekommen wir einen Vorzugspreis sowie das beste Zimmer mit Blick über den
Phewasee. Auf Pokhara sind die Nepalesen sehr stolz, es ist nicht nur das Touristenmekka sondern auch
Ausgangspunkt für viele Trekkingtouren.
Bis auf die Monsunzeit von Juni bis Mitte
September lässt es sich in angenehmen Temperaturen, die kaum in die Minusgrade gehen, hier gut leben. Pokhara
hat einfach eine gute Infrastruktur. Mit seinen vielen verschiedenen Hotels und guten Restaurants bietet es
jedem Geldbeutel etwas. Sportlich gesehen gibt es natürlich außer Wandern und Klettern noch viele andere
Aktivitäten: Radfahren und Mountainbike-Touren gibt es in allen Schwierigkeitsgraden, sie haben einen großen
Zuspruch und werden immer beliebter. Kanu, Kayaking, und Rafting sind weitere sportliche Alternativen, auf dem
Phewasee oder auf dem wilden Seti hinunter zum Narayani Fluss. Das absolute Highlight ist zweifelsohne das
Paragliding vom 1600 m hohen Sarankot, einer der besten Spots der Welt, der jährlich Tausende in seinen Bann
zieht. Die Thermik ist hier so gut, dass es jährlich neue Höhenrekorde gibt und das bei einer Sicht über das
faszinierende Annapurna Bergmassiv
Und schon wieder steht ein großes nepalesisches Fest an: Tihar ist das Lichterfest, zu dem der Göttin Lakshimi
gehuldigt wird. Diese Göttin des Glücks und des Reichtums wird am fünften Tag in die Häuser gelockt, deren
Türen und Fenster mit Lichtern geschmückt sind. Brüder erhalten von ihren Schwestern Geschenke und einen Punkt
auf der Stirn, der sieben verschiedenen Farben haben darf.
Da viele Geschäfte geschlossen sind, mache ich Elke den Vorschlag, auf den Panchase Track zu gehen. Er geht
nur bis auf 2500m Höhe, führt durch kleine einheimische Dörfer und müsste mit einer mäßigen körperlichen
Anstrengung in 3–5 Tagen zu schaffen sein. Also genau das Richtige für mich, um meinen Gesundheitszustand
auszuloten. Elke packt unsere zwei kleinen Rucksäcke, so dass wir am nächsten Morgen mit leichtem Gepäck auf
Tour gehen können. Die Tour soll auf jeden Fall über die World Peace Stupa gehen, dabei gibt es zwei
Möglichkeiten. Zum einen mit dem Boot über den See, um dann den steilen Anstieg in 40 Minuten zu bewältigen.
Oder wir wandern zu den Devils Falls, um dann aus einem anderen Tal aufzusteigen, was Elke mehr zusagt, vorbei
an den Siedlungen der tibetischen Flüchtlinge, die 1959 vor den Chinesen aus ihrer Heimat geflohen sind. Hier
in diesen Dörfern leben sie immer noch nach ihren traditionellen tibetischen Lebensweisen, wo sie sich die
Religion und die Kultur ihrer Heimat bewahren.
Es ist noch sehr früh am Morgen, die Sonne geht gerade auf und erwärmt uns, deshalb lassen wir uns viel Zeit
beim Aufstieg. Die Stupa, die als Friedensgeschenk von buddhistischen Mönchen aus Japan erbaut wurde, thront
auf einem Bergrücken, von dem aus man den Machhapuchhare und das Annapurna-Massiv sehen kann. Wir haben Glück,
bei glasklarem Wetter können wir uns an diesen weißen Bergriesen gar nicht genug satt sehen. Nach einem heißen
Tee geht es weiter, die nächsten 10km in Richtung Bhumdi, wo es angeblich ein Homestay oder ein Gästehaus
geben soll. Immer am Bergrücken entlang durch kleine zerstreute Dörfer, wo wir das Leben der Menschen
beobachten können. Kinder werden gerade in einer Plastikwanne unter lautem Geschrei geschrubbt und gebadet,
wobei sie sichtlich viel Spaß haben. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie erinnert mich das an meine Kindheit,
als meine Mutter mich und meinen Bruder auch in so einer ähnlichen Wanne badete.
Wir wandern weiter auf der Suche nach Bhumdi. Da es auf diesem Track keine Beschilderungen gibt, die uns
eventuell weiter helfen könnten, fragen wir die Einheimischen nach dem Weg. Die einen schicken uns nach Osten
und die Anderen wieder zurück nach Westen, irgendetwas stimmt nicht. Bis wir herausfinden, dass es noch ein
anderes Bhundi gibt, das aber mit einem N geschrieben wird. Nach einem Umweg von 3km kommen wir in Bhumdi an.
Die Auswahl der Gästehäuser fällt leicht aus, da es nur eins gibt. Das Zimmer, das uns der freundliche
Besitzer zeigt, sieht recht sauber aus und macht im ersten Moment auch einen guten Eindruck. Beim Abendessen,
das aus einem sehr guten Dahl Bath besteht, können wir von unserer Holzterrasse aus einen grandiosen
Sonnenuntergang beobachten, der die Bergriesen in ein leuchtendes Orange verwandelt. Gegenüber auf einer Wiese
versammeln sich die Jugendlichen des Dorfes, um auf einer 20m hohen Bambusschaukel ihren Mut zu beweisen.
Barfuß auf einem dicken geflochtenen Seil schwingen sich die jungen Männer in atemberaubende Höhen, um den
Mädchen zu imponieren. Wenn die Abenddämmerung über die Berge hereinbricht wird es ruhig im Dorf und weil
nicht jeder Strom besitzt, bleibt es auch fast überall dunkel. Nachdem unsere Kerze fast abgebrannt ist, wird
es auch für uns Zeit ins Bett zugehen. Auf dem Wellblechdach über unseren Köpfen haben es sich die Hühner
bequem gemacht. An das ständige picken und kratzen müssen wir uns erst gewöhnen, doch dann kommt noch ein
anderes Geräusch dazu, dass wir zunächst nicht definieren können. Es ist stockdunkel um uns herum, als Elke
vor lauter Schreck aus dem Bett springt und die Taschenlampe anschaltet. Es ist unglaublich, lauter Ratten die
aus einem Reisspeicher über eine Holzwand zu uns in Zimmer klettern. Beim Schein der Taschenlampe springen sie
zurück in den Speicher. So kann ich nicht schlafen, schreit Elke hysterisch. Es bleibt uns nichts anderes übrig,
als eine Lampe brennen zu lassen. Licht ist die einzige Möglichkeit, die Ratten von uns fernzuhalten. Wir
verkriechen uns unter unseren dicken Wolldecken, so dass uns keine Ratte unter die Decke huschen kann. Viel
geschlafen haben wir in der Nacht nicht und als wir dem Besitzer von den Ratten erzählen, fängt er nur leicht
an zu schmunzeln, ohne Kommentar.
Der nächste Schlafplatz ist Panchase Banjyang. Der Weg ist in fünf Stunden leicht zu schaffen, so die
Auskunft eines Ziegenhirten. Ab jetzt heißt es Treppen steigen, bergauf und bergab, wobei uns das bergauf
Steigen leichter fällt. Ich bewundere immer wieder wie perfekt man die Treppen verlegt hat, vor allem, was das
Anlegen dieser steilen Wege ohne Maschinen für eine anstrengende Arbeit war. Stufe für Stufe wandern wir
schwitzend immer weiter nach oben und kein Ende ist in Sicht. Deshalb freuen wir uns, als wir an einer Kreuzung
nach rechts in ein Waldgebiet, das eher einem Dschungel gleicht, abbiegen. Mit Moos bewachsene Bäume, kleine
Wasserfälle, rutschige Steinstufen, kleine Lichtungen, auf denen Kühe weiden, sind unsere Wegbegleiter. Nach
drei Stunden wandern wir immer noch in diesem dunklen Wald herum und weil uns die Füße wehtun, machen wir eine
kleine Pause. Unsere Schuhe und Hosen sind voll von kleinen, glitschigen Würmern und beim genauen Hinsehen
stellen wir fest, dass es Blutegel sind. Elke läuft das Blut aus den Wanderschuhen, so viele Bisse hat sie um
das Fußgelenk und auch bei mir haben sich die Socken mit Blut vollgesaugt. Wir müssen schnellstens aus diesem
Wald heraus, aber wie, da wir uns total verlaufen haben. Nun machen wir alle 20 Minuten Pause, um uns diese
blutsaugenden Biester aus unseren Schuhen und Socken zu entfernen. Nach einer weiteren Stunde kommen wir
endlich aus dem Wald auf einen steilen Treppenweg, der uns wieder weiter zu unserem Etappenziel führt. Nach
über acht Stunden erreichen wir Panchase, das gerade einmal aus 10 Häusern besteht und wir sind überglücklich,
dass wir ein Zimmer mit zwei einfachen Holzbetten und sehr dünnen Matratzen bekommen. Wir befinden uns auf
über 2000m Höhe, es ist kalt und wir sind am Frieren. Mit dicken Jacken sitzen wir in der Küche bei
offenem Feuer, auf dem unser Abendessen gekocht wird und schlürfen dabei einen heißen Tee. Die feuchten
Wolldecken wärmen uns nicht wirklich, weshalb wir auch in dieser Nacht nicht gut schlafen. Der sagenhafte
Ausblick über die zwei 8000er Dhaulagiri und den Annapurna am Morgen bei der leuchtend roten aufgehenden
Sonne entschädigen uns für Vieles.
Der Abstieg von 2500m auf 1600 m ist auch nicht viel leichter, da uns die Füße noch vom Vortage wehtun. Hatten
wir oben noch einen Rhododendron-Wald, der leider erst im März in voller Blüte steht, laufen wir jetzt durch
einen Mischwald aus Kastanien-, Walnuss- und Ahornbäumen. Elke fotografiert auf den Wiesen eine Vielzahl
verschiedener blühender Blumen: Edelweiß, Enzian, Rittersporn, Fingerkraut, Anemonen, Primeln und
viele andere Sorten, die wir noch nie gesehen haben. Noch bevor wir in das Dorf Bhadaure kommen, lädt uns ein
Schild “Green Garden” Gästehaus zu einem Tee ein und weil es uns so gut gefällt, bleiben wir die Nacht hier.
Die Betten haben richtig weiche Matratzen und trockene Wolldecken, die eiskalte Dusche kostet zwar einige
Überwindung, dafür wärmen uns der heiße Tee und das Dahl Bath wieder auf. Die starken Blutungen der Blutegel
haben nach langer Zeit endlich aufgehört Dafür jucken die Einstiche so stark, dass wir sie uns ständig wieder
Aufkratzen. Ramech, der Chef des Gästehauses, zeigt uns eine Plattform, bei der wir am Morgen den Sonnenaufgang
und die Himalaya Bergkette gut beobachten können. Also steigen wir kurz vor 6 Uhr wieder nach oben, um uns
erneut einen unvergesslichen Sonnenaufgang mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Berge zu gönnen.
Wer wissen will, wie wir die anstrengende Wanderung, durch eine herrliche und abwechslungsreiche Landschaft
überstanden haben, wird es erfahren, wenn Elke und ich wieder Zuhause sind. Bei einem guten Wein oder unseren
legendären Diashows, vielleicht sogar in einem Buch.
Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis