Ein Leben für den Tod
Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …
Die Zeit bei Riswan, seiner Frau Irma und ihren zwei Töchtern ist sehr angenehm, aber die
kulinarischen Abende vergehen einfach viel zu schnell. Elke und ich wollen weiter in den Norden
von Sulawesi nach Tana Toraja und das mit einem Motorrad. Riswan stellt den Kontakt zu einem
befreundeten Motorradhändler her, von den fünf Motorrädern ist nur eins wirklich zu gebrauchen, da
zwei Motorräder von der Polizei gesucht werden, eins hat Motorschaden und bei dem Anderen fehlen
die Papiere. Ich miete das Motorrad für 10 Tage an und auf die Frage nach einem Helm und meiner
bezahlten Quittung, schaut er mich entgeistert an. Helm braucht man hier nicht, niemand fährt hier
mit Helm und für die Rechnung, zählt er 10 Tage am Wandkalender ab und macht am 11. Tag einen
Knick in das Blatt und bist du jetzt zufrieden. Da muss selbst Riswan lachen, der mir seinen Helm
überreicht und uns eine gute Fahrt wünscht.
Auf gut Glück fahren Elke und ich mit leichtem Rucksack die ersten 260 Kilometer nach Sengkang.
Die Strecke wird des Öfteren neu asphaltiert, deshalb müssen wir ständig durch matschige
Baustellen fahren. Sengkang liegt in einer fruchtbaren Ebene an dem schönen Danau Tempe See, der
durch seine sumpfigen Ufer und seine Mangroven unmöglich zu Fuß zu erreichen ist. Eigentlich sind
wir wegen der bekannten Seidenwebereien, die es hier in den umliegenden Dörfern gibt, hergekommen.
Wenn Elke unter einem der vielen Pfahlhäuser Frauen sieht, die auf ihren Webstühlen klappern, muss
ich sofort anhalten, damit sie sich die handgesponnene Naturseide, die zu feinen Sarongs
verarbeitet werden, anschaut. Früher wurden die Sarongs in monatelanger Handarbeit in Webrahmen
gefertigt, doch seit 40 Jahren benutzt man die Webstühle, die meterlange Seidenbahnen herstellen,
um sie zu Kleidern zu verarbeiten. Wie Seide hergestellt wird, kann man sich 50 km südlich von
Sengkang anschauen.
Am Abend lernen wir Elvis, einen Taxifahrer kennen, der zwei Deutsche Mädels von Makassar nach Tana
Toraja und weiter nach Norden begleitet. Er will in sein Dorf Lemo, ein ranghoher Verwandter wird dort
übermorgen in einer fünftägigen Zeremonie beigesetzt. Gerne lade ich euch dazu ein, das dürft ihr
auf keinen Fall verpassen. Bis jetzt hatte ich mich mit diesen Zeremonien noch gar nicht
beschäftigt, deshalb fragte ich Elvis, was denn da so anders ist. Bei uns in Deutschland gibt es
eine kleine Gedenkfeier, danach wird der Tote mit Holzsarg oder einer Urne in die Erde gelassen,
bei einem Kaffee und einem trockenen Kuchen wird nochmals kurz dem Toten gedacht und das war’s
auch schon. Elvis schüttelt den Kopf und sagt, nein das ist bei uns ganz anders und damit ihr das
auch richtig versteht, muss ich ein bisschen weiter ausholen. Die Menschen um und in Toraja sind
heute alles Christen, die sich ihre alten Überlieferungen über Generationen bewahrt haben. Das
Christentum der Toraja befolgt eine traditionelle, animistische Religion des Aluk Todolo, die das
Universum dreiteilt, in eine Oberwelt, die Erde und die Unterwelt. Über der Oberwelt steht Puang
Matua, der Schöpfer aller Dinge, er sendet die Dewata, also Gottheiten auf die Erde, die wiederum
auf die Einhaltung der religiösen Überlieferungen achten. Das heißt, dass nicht nur die
Familienmitglieder sondern auch die nächsten Verwandten die vorgeschriebenen und äußerst
kostspieligen Rituale durchzuführen haben, bevor die Bestattung bekannt gegeben wird. Je nach Rang
des Verstorbenen können das hunderte Millionen von Rupien sein. Die Verwandten und sonstige Gäste
bringen aus diesem Anlass Geschenke mit, zum Beispiel Wasserbüffel, Schweine, Palmwein, Zigaretten
oder andere Dinge. Die Totenfeier wird nach genauen Regeln und Riten abgehalten, aber das schaut
ihr euch in Lemo vor Ort am besten selbst an.
Am nächsten Tag fahren wir, nach Elvis Empfehlung weiter am Meer entlang bis nach Palopo und von
dort durch die Berge nach Rantepao. Bis kurz vor Palopo stehen in jedem Fischerdorf mindesten 2–3
Moscheen doch von einem Moment auf den Anderen werden sie durch Kirchen ersetzt. Die Fahrt durch
die Berge ist sehr anstrengend, steile zum Teil unbefestigte Straßen wechseln sich mit engen
Serpentinen ab. Die Palmen verschwinden, doch dafür haben wir jetzt Kiefernwälder und das in 800m
Höhe, ein sehr angenehmes Klima. Elke sieht die ersten traditionellen Toraja-Häuser, die in ihrer
beeindruckenden Architektur einer Schiffsform gleichen. Ein typisches Dorf besteht aus zwei
parallelen Häuserreihen, die in Ost-West-Richtung verlaufen. Die Wohnhäuser ragen nach Norden
den Göttern entgegen und sind auf eckigen Holzpfählen gebaut, gegenüber den Reisspeichern, die auf
runden Holzpfählen errichtet sind. Bei den älteren Häusern sind die Dächer noch mit übereinander
geschichtetem Bambus belegt, dafür werden die neuen mit billigem Wellblech bedeckt. An den
vorderen Stützbalken sehen wir bei einigen Häusern zahlreiche Büffelhörner befestigt, die den
sozialen Status und den Reichtum der Familie erkennen lassen. Die Außenwände sind mit geschnitzten,
geometrischen Ornamenten in den Farben Rot, Schwarz, Weiß und Gelb verziert. Die vielen
verschiedenen Einflüsse der vergangenen Jahrhunderte haben sich auf die traditionellen Sitten und
Gebräuche kaum ausgewirkt. Das hat natürlich mit der strengen und starren Sozialstruktur zu tun,
die es auch heute noch in den ländlichen Gebieten gibt. Die meisten Toraja sind Kleinbauern, die
vom Reisanbau und der Büffel- und Schweinezucht leben. Sie alle gehören zur Gesellschaft der
Besitzlosen, man nennt sie Tobuda. Eine landbesitzende Mittelschicht nennt man Tomakak und den
Rest, der zum Landadel gehört, nennt man Tokapao.
Heute steigt das große Ereignis, die Beerdigungszeremonie in dem Dorf Lemo. In unserem kleinen
Hotel warten schon seit dem Morgen sogenannte Toraja Führer, die uns das Begräbnis als Tour
verkaufen wollen. Elvis hatte uns davor gewarnt und uns dringend davon abgeraten, ihr könnt diese
Tour alleine machen, jeder Gast ist herzlich auf einer Zeremonie willkommen, also fahren wir ohne
Führer in das 8km entfernte Dorf. Was wir da erleben, ist vergleichbar mit dem Trubel eines
Weinfestes in der Pfalz, mit total überfüllten Straßen, bei denen die Busse, Autos und Motorräder
kreuz und quer am Straßenrand parken. In ihrer Tracht laden Männer dutzende lebende und
kreischende Schweine von ihren LKWs ab, die mit ihren Füßen an Bambusstangen gebunden sind. Wir
folgen einfach den Menschenmassen bis zu einem großen Platz, an dem in der Mitte ein kunstvoll
verzierter, mit Gold beschlagener Holzsarg steht. Um ihn herum sind lauter singende und tanzende
Leute in ihren bunten Trachten. Dahinter hat man verschiedene überdachte Holzplattformen errichtet,
auf den mittleren sitzen gut gekleidete Familienmitglieder, Verwandte und geladene Honoratioren.
Für die Gäste sind die äußeren Plattformen bestimmt, auf denen man im Schneidersitz verweilt und
kleine Köstlichkeiten gereicht bekommt. Wir sind heil froh, als wir Elvis erblicken, der sich mit
den zwei Deutschen Mädels zu uns setzt, denn so ganz alleine fühlt man sich doch nicht so wohl.
Ich schaue so in die Runde und schätze ungefähr 800-1000 Gäste, die näheren Verwandten haben als
Gastgeschenke 30-40 Schweine und 12-16 Wasserbüffel mitgebracht und ständig erhöht sich die Zahl.
Elvis erzählt uns, dass die Familie mit bis zu 3000 Gästen rechnet, die in der fast einwöchigen
Beerdingszeremonie erscheinen und hoffentlich die erforderlichen religiösen Rituale erbringen,
damit der Tote in die Oberwelt eingehen kann. Dabei unterscheidet man verschiedene Zeremonien: die
einfachste ist für junge Menschen, hier werden vier Schweine und ein Büffel geopfert. Die zweite
Zeremonie ist für Angehörige der Tomakaka, also der Mittelschicht, hier werden viele Schweine und
zwei bis zwölf Büffel geopfert. Dann gibt es die Zeremonie, so wie diese hier, für die Oberschicht,
sie dauert mindesten eine Woche, bei der viele Schweine und über 12 Büffel geopfert werden müssen.
Bei der höchsten Zeremonie, die sich Dirapai nennt, dauert die Veranstaltung mindestens 14 Tage
und die Büffel, die geopfert werden, gehen in die Hunderte. Die Familien arbeiten und sparen ihr
ganzes Leben lang nur für diese Totenfeier. Wenn sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht die
erforderlichen Mittel haben, wird der Tote einbalsamiert und so lange Zuhause aufbewahrt bis alle
Verwandten die geforderten Büffel und Schweine zusammen haben, was Jahre dauern kann, erst dann
wird die Beerdigungszeremonie ausgerufen.
Mittlerweile haben die Tänze aufgehört und die Gesänge sind verstummt, zur Belustigung der Gäste
werden nun Wasserbüffelkämpfe veranstaltet. Zwei Bullen, die eigentlich überhaupt keine Lust zum
Kämpfen haben, werden durch wildes Geschrei aufeinandergehetzt. Während des Kampfes werden die
ersten Schweine an fünf verschiedenen Stellen geopfert. Die laut schreienden Schweine, die allesamt
an den Füßen an Bambusstäbe gefesselt sind, liegen entweder auf Bambus-Bananenblättern oder
im 10cm hohen Schlamm. Ein kurzer Stich durch die Kehle und die Schlagader lässt die Schweine in
Todesangst ihr Blut umherspritzen. Danach ein langer Schnitt in die Bauchhöhle, die von geübten
Händen auseinander gerissen wird, um die Gedärme herauszureißen, die sich die Frauen zur
Weiterverarbeitung abholen. Nachdem das Ganze keine fünf Minuten gedauert hat, werden nun mit
einem starken Bunsenbrenner die Borsten abgefackelt. Ein übelriechender Gestank macht sich breit,
was jedoch den Gästen überhaupt nichts ausmacht. Überall liegen zirka 40-50 schwarz verkohlte
Schweineleiber herum, Elke wird es schlecht und sie bittet mich, schnellstens zu gehen. Wir
entschuldigen uns bei Elvis für unser vorzeitiges Gehen. Kein Problem sagt Elvis lachend, dann
sehen wir uns ja übermorgen wieder, wenn die Büffel dran sind.
Zum Abendessen bestellen wir Gado Gado, eine Gemüsevariation mit einer Erdnußsoße und dazu
Klebereis, zu diesem leckeren fleischlosen Essen habe ich für Elke eine Flasche Gin besorgt.
Für den nächsten Tag haben wir eine Fahrt durch die umliegenden Berge geplant, Elke möchte sich die
Baumgräber, Höhlen und Steingräber anschauen. Alles leichter gesagt als getan, denn die Straßen
in den zerklüfteten Bergen sind alles andere als gut zu befahren. Die malerischen Bergdörfer sind
heute noch zum Teil in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten, überall begrüßen uns winkende und lachende
Menschen. Da Elke immer mehr alte traditionelle Häuser entdeckt und sie aus allen Winkeln
fotografiert, kommen wir nicht sehr weit. Am Nachmittag fahren wir an den ersten Kindergräbern
vorbei, die man in einem kleinen Wald angelegt hat. Kinder, die beim Tod noch keine Milchzähne
haben, werden in Baumhöhlen begraben, die dann nach und nach mit dem lebenden Baum verwachsen. Die
einheimischen glauben, dasss sie dadurch mit den Bäumen weiter leben. Kurze Zeit später passieren wir
das kleine Dorf Bori, wo sich direkt an der Straße die ersten Steingräber befinden. Hier stehen
mehrere Megalithen, die bezeugen, dass hier einige Adlige beigesetzt wurden, für jeden von ihnen
wurden mindestens 25 Büffel geschlachtet. Gut zu sehen ist das Lakkain Haus, in dem während der
Totenzeremonie die Leiche aufgebahrt wird. Für heute reicht es, sag ich zu Elke, lass uns die
Felsen und Höhlengräber Morgen nach der Büffelschlachtung anschauen.
Wie es weiter geht, wie wir im Poppies Restaurant das Dämpfen und Garen von Hühnchen und
Schweinefleisch im Bambusrohr erleben und wie wir das Massaker der Büffelabschlachtung
überstehen, erfährt ihr, wenn wir wieder zuhause sind, bei einem guten Glas Wein, oder bei unseren
beliebten kulinarischen Diashows, vielleicht auch in einem kleinen Buch der Weinschmitts.
Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis