Die immer wieder steilen Anstiege machen Elke und mir ganz schön zu schaffen. Man hat das Gefühl, nie genug Luft
in die Lungen zu bekommen. Der Taklang La, der zweithöchste befahrbare Pass der Erde, steht wie ein unüberwindbarer
Koloss vor uns. Die Stimmung ist sehr angespannt, Elke und ich reden kaum miteinander, jeder versucht einen klaren
Gedanken zu fassen. Meter für Meter schrauben wir uns in dieser dünnen Luft nach oben - noch ist die Straße geteert.
Am Nachmittag baut Elke in 4300m Höhe ab, die Kräfte schwinden, mit einer heißen Nudelsuppe und einer längeren
Erholungspause versuchen wir, uns wieder in Schwung zu bringen. Schon das Anfahren ist mit einem Kraftakt verbunden.
Unsere neu erlangte Energie ist in ein paar Minuten wieder verbraucht. Nach einem Kilometer steigt Elke nach Luft
ringend wieder vom Fahrrad, der Teer ist nun Geröll, Schotter und Schlamm gewichen. Gemeinsam schieben wir jedes Rad
einzeln 500 Meter durch eine Baustelle nach oben. Danach geht es wieder für ein paar Meter aufs Rad bis uns erneut
Gesteinsmassen vom Fahrrad zwingen. Das Ganze wiederholt sich ein paar mal bis wir schließlich völlig kraftlos,
schwitzend und voller Dreck nebeneinander am Wegrand auf zwei scharfkantigen Steinen sitzen und uns fragend ansehen.
Elke schreit es förmlich heraus: Was machen wir hier eigentlich, sind wir völlig wahnsinnig und verrückt, warum tun
wir uns eigentlich so etwas an? Dabei stehen Elke die Tränen in den Augen und ich spüre das hier der Spaß aufhört.
Ich versuche Elke zu beruhigen, indem ich ihr Mut zuspreche: Wir schaffen das, irgendwie geht es immer weiter,
schließlich haben wir alle Zeit der Welt. Doch meine Überzeugungsarbeit landet nicht gerade auf fruchtbarem Boden.
Elke ist total am Ende, ich muss schnellstens eine Lösung finden. Wir dürften uns in einer Höhe von ungefähr 4500 Metern
befinden, die Sonne geht in etwa zweieinhalb Stunden unter, dann wird es hier bitterkalt. Ich halte Ausschau nach einem
geeigneten Platz für unser Zelt. Hinter einer Kurve finde ich eine kleine Plattform auf der ich unser Zelt aufstellen möchte.
Noch einmal steigt Elke aufs Rad, um zur Plattform zu radeln, als von hinten zwei große LKWs hupend auf uns zu fahren.
Wir radeln genau in der Mitte der einzigen befahrbaren Spur, links von uns geht es steil bergab und rechts von uns steht
eine unüberwindbare Felswand.
Ohne Rücksicht hupen sie unvermindert weiter bis mir der Kragen platzt und ich zu einem Wutanfall
starte. Ich schmeiße mein Fahrrad mitten auf die Straße, stelle mich vor den Lkw und schreie aus vollem Halse wie ein Irrer
auf deutsch: Ihr Vollidioten, ihr seid doch nicht ganz sauber im Hirn, seht ihr nicht wie wir uns hier abrackern, wo sollen
wir denn hin, denkt ihr vielleicht wir springen wegen euch in die Schlucht hinab? Doch die Jungs sind nur am Lachen und machen
mir zuerst unverständliche Gesten. Nachdem ich mich wieder etwas beruhigt habe, versucht mir der eine Beifahrer klar zu
machen, ob wir nicht mit ihnen weiter über den Pass fahren wollen. Unverständlich und völlig verdutzt schaue ich Elke an
und sage zu ihr: Ich glaube, die möchten uns wirklich mitnehmen. Meine Zornesfalten verwandeln sich in Lachfalten und
ich habe das Gefühl, der Himmel hat uns diese Jungs geschickt.
Von nun an dachten Elke und ich an eine gemütliche Überfahrt, doch es wurde zu einem gefährlichen Höllentrip über die Berge, über drei 5000m hohe Pässe, bei dem diese extrem harten Männer immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzen. Wir erfahren aber auch, was diese Männer über Geld, Frauen und die Religion denken und was für einen Spaß wir mit einem Hindu, einem Moslem und einem Buddhisten hatten ...


