Die Zimmer sehen fürchterlich verdreckt aus und als er eine halbe Stunde lang vor uns telefonierend in der Nase herum
bohrt und den Fund seiner Nase an Tischdecken und Wände schmiert, beschließen Elke und ich, uns doch lieber ein
anderes Gästehaus zu suchen. Schnell werden wir im gut geführten und sehr sauberen Gästehaus Samrath fündig, von wo
aus wir die gesamte Altstadt zu Fuß erkunden können. Jaisalmer hat ähnlich wie Jodhpur eine Festung, nur dass diese
hier noch komplett von den Einheimischen bewohnt wird. Man lebt sozusagen mit dem Maharadscha in der Nachbarschaft.
Das massive Fort ist mit dicken Mauern umgeben und wird durch ein riesiges Tor betreten. Was wir hier sehen ist ein
Monument lang verschwundener Wüstenmächte, eine Goldene Stadt der Träume, die unsere Erwartungen weit übertrifft. Das
Innere ist durchzogen von schmalen gepflasterten Gassen, es ist ein Durcheinander von Kaninchenbau ähnlichen Häusern
und Jainisten-Tempeln sowie dem alten Palast des früheren Herrschers. Allerdings sehen wir auch wie gefährdet dieses
Fort ist. Durch das unzureichende Abwassersystem und die zunehmenden Müllprobleme zerstört es sich sozusagen von
selbst. Elke und ich verbringen fast den ganzen Tag in diesem Fort, deshalb nehmen wir uns am nächsten Tag die
Altstadt vor.
Jaisalmer wurde vor über 900 Jahren gegründet. Durch seine strategische Lage zwischen Indien und
Zentralasien brachten Kamelkaravanen großen Reichtum hierher. Die Altstadt besteht aus einer riesigen Sandburg, die
wiederum aus vielen prachtvollen honigfarbenen Palästen besteht. Von einem schattigen Plätzchen aus können wir das
bunte Treiben auf dem Marktplatz gut beobachten.
Die Wüstennomaden kommen mit ihren Familien zum Einkaufen hierher.
Dabei benutzen sie ihre bunt geschmückten Kamele, Pferde oder Esel als Lasttiere. Die Frauen tragen ihren goldenen
Ohren- und Nasenschmuck zur Schau. Die bunten Saris krönen diese stolzen Frauen. Die Männer mit ihren gegerbten
Gesichtern sehen wie wilde Krieger aus, die von sich selbst behaupten, sie stammen von Sonne, Mond und Feuer ab.
Zwischen den Marktständen sitzen Wunderheiler und Schlangenbeschwörer, hinzu kommen Musiker, die auf ihren seltsamen
Musikinstrumenten mystische Musik von sich geben. Dabei singen sie Lieder über einfache Dinge des Lebens, über das
wertvolle Wasser oder über die Zubereitung eines guten Essens. Aber es werden auch Balladen über die legendären
Helden und Lieder über den Herz-Schmerz mit der Liebsten gesungen. Die Schlangenbeschwörer spielen auf ihren
zweirohrigen Poongas, die sich so ähnlich wie schottische Duddelsäcke anhören; dazu lassen sie ihre Cobras tanzen. Um
uns herum ist alles wie in einer Art Trance oder ist es etwa eine Fata Morgana? Elke und ich fühlen uns in eine Zeit
zurück versetzt wie in einem Märchen aus 1001 Nacht.
Wir sind so fasziniert dass wir es genau wissen wollen. Wir
wollen sehen, wie diese Wüstennomaden leben, deshalb mieten wir uns ein Motorrad. Am nächsten Tag fahren wir in
Richtung der pakistanischen Grenze, die nur noch 80 Kilometer von hier entfernt liegt. Vorbei an alten zerfallenen
Ruinen und verlassenen Dörfern fahren wir auf den Wüsten-Nationalpark Sam zu. Hier wurde eine richtige Wüstenstadt
für geführte Kamelsafaris aus dem Boden gestampft, denn der Wettbewerb um jeden einzelnen Touristen ist gnadenlos. Da
wir damit überhaupt nichts am Hut haben,
fahren wir direkt auf die seidig wogenden Sanddünen zu. Wir wollen gerade
eine Düne erklimmen, als sich der Himmel in bedrohliches grau verfärbt. Der einsetzende heiße Fön und die sich
bildenden Windhosen verheißen nichts Gutes. Wir rennen so schnell es geht zum Motorrad und dann nichts wie weg.
Hinter uns hat sich ein gigantischer Sandsturm gebildet, der uns mit Sand, Steinen und bis zu 60 Grad heißer Luft
verfolgt. Mit Vollgas gehts zurück nach Jaisalmer, das wir im letzten Moment vor dem Sturm erreichen. Ich muß an all
die Menschen denken, die jetzt bei diesem höllischen Sturm irgendwo da draußen in der Wüste leben und überleben
müssen. Am nächsten Tag hat sich der Sturm einigermaßen beruhigt und wir sitzen wieder im Bus zurück nach Jodhpur.
Die Vorbereitungen für die Weiterreise über Beawar, Ajmer und Pushka in die fast 400 Kilometer entfernte Stadt Jaipur
werden getroffen.
Doch bevor wir wieder aufs Rad steigen, bittet Elke mich: Lass dir doch bitte deinen zotteligen
und struppigen Vollbart rasieren, damit du wieder wie ein Mensch aussiehst. Also, ich nix wie hin zum Barbier, der
mich mindestens zehn Minuten lang einseift, wobei er sich nebenbei einen Boolywood Actionfilm anschaut, bei dem
mindestens 100 Menschen ihr Leben lassen.
Danach zückt er sein Rasiermesser, in das er eine neue Rasierklinge
einlegt, während der Ationfilm sich dem Höhepunkt nähert. Ich bin dankbar und bewundere seine Begabung, mich während
einer Flugzeugexplosion, ohne mich zu verletzen, fertig zu rasieren. Danach sprüht er mir mit einem Zerstäuber so
viel Wasser ins Gesicht, dass ich dem Ertrinken nahe bin. Mit einem dunkelbraunen Lappen, mit dem er alle seine
Kunden trocken rubbelt, werde auch ich gesäubert. Nun wird mein Gesicht mit einer milden Creme eingeschmiert, was der
angenehmste Teil der Prozedur ist. Die darauf folgende Massage, die sich vom Gesicht über die Kopfhaut bis in den
Nacken erstreckt, dauert über zehn Minuten und als ich gerade am Einschlafen bin, werde ich freundlich geweckt.
Ich schaue in den Spiegel und stelle als erstes fest, dass ich keine Verletzungen im Gesicht davon getragen habe. Mein
Schnurbart kommt wieder voll zur Geltung und Elke meint: Jetzt siehst du wieder aus wie ein Mensch.


