Um 06:30 Uhr radeln wir von unserem Hotel aus zum Bahnhof. Schon von weitem erkennen wir eine große Menschenmenge.
Beißender Duft steigt uns in die Nase: An allen Ecken stehen oder hocken Leute die ihre Notdurft verrichten; wo
sollten sie auch hin, da es keine Toiletten gibt. Die Gehsteige sind überfüllt von zum Teil schlafenden und wartenden
Menschen, die alle auf ihren Zug warten. Einige haben sich mit einem Benzinkocher ein Feuer angemacht, um sich einen
heißen Chai zu kochen. Nebenan putzt sich ein junges Mädel die Zähne und zwischen drin laufen streunende Hunde herum,
die nach irgend etwas Essbarem suchen. Ich dränge mich durch dieses Gewusel und stelle mich an einem der zehn Schalter
an, um Fahrkarten nach Neemusch zu kaufen. In Indien fahren jeden Tag 14 Millionen Fahrgäste mit dem Zug. Das muss man
sich mal vorstellen. Tatsächlich bekomme ich noch zwei Fahrkarten für 48 Rupien, was mir verdächtig wenig erscheint.
Ich habe vor lauter Aufregung ganz vergessen, nach der Klasse zu fragen. Die Fahrräder muss ich gegenüber im
Gepäckabteil bezahlen.
Danach schieben wir unsere Räder zum Gleis 7. Da Gleis 7 keinen direkten Zugang hat, müssen wir
die Räder samt Gepäck über einen eisernen Steg nach oben über die ersten sechs Gleise schieben. Was wir da sehen und
erleben verschlägt uns regelrecht den Atem: Die Gleiße sind so zugeschissen, dass man die Schienen kaum noch erkennen
kann. Der Gestank raubt uns fast den Atem. Überall liegen halbnackte Kinder und total verdreckte Menschen herum.
Einige essen vertrocknete Fladen, andere puren Reis. Dazwischen stehen gut gekleidete Inder mit Sonnenbrillen, hübsche
Inderinnen mit den schönsten und buntesten Saris.
Zwischen den Gleisen wäscht ein Mann sein gesamtes Geschirr in einer
Dreckpfütze. Jugendliche stehen in ihren Schuluniformen in Gruppen zusammen, sie lachen und machen Witze über uns und
unsere Fahrräder. Ständig wollen uns Bahnmitarbeiter helfen - für ein paar Rupien versteht sich - die Fahrräder hin
und her zu schieben. Tausende von Menschen stehen auf den Bahnsteigen und ich habe den Eindruck, niemanden stört der
bestialische Gestank. Aus den Lautsprechern schallen unverständlich laut die Ankunfts- und Abfahrtszeiten. Hunderte
von Menschen springen ständig mit ihrem Hab und Gut kreuz und quer über die Schienen.
Mit anderthalb Stunden Verspätung fährt unser Zug auf Gleis 7 ein. Als er zum Stehen kommt, wird er regelrecht
gestürmt. Noch bevor der erste den Zug verlassen hat, versucht jeder sich hinein zu quetschen und sich einen guten
Platz zu sichern. Ich liefere unsere Fahrräder im Gepäckwagen ab und helfe, sie sicher zu verstauen.
Als ich wieder zurück komme sind alle wie ein Wunder im Zug verschwunden und die Anderen haben es offenbar geschafft heraus zu
kommen. Elke hat sich einen Platz auf der Stufe der Eingangstür gesichert. Ich ergattere mir genau auf der gegenüber
liegenden Seite einen Stehplatz. In dem Eingangsbereich zwischen Elke und mir hat sich eine Frau mit ihren fünf
Kindern auf dem Boden breit gemacht, dazwischen stehen noch zirka zehn Personen.
Im Zugabteil geht es drunter und drüber. Über den sitzenden Fahrgästen sind Gitter angebracht,
die wie vergrößerte Hutablagen aussehen.
Sie sind voll
besetzt mit Menschen, die geduckt im Schneidersitz darauf ausharren, das Abteil ist sozusagen zweilagig besetzt.
Endlich fährt der Zug los.
Die Sonne brennt mir fast ein Loch in den Schädel, der Fahrtwind bringt wohltuende
Abkühlung. Vorbei an ärmlichen Wellblechhütten fahren wir aus der Stadt heraus, als der Zug schon nach fünfzehn
Minuten mitten im Nichts auf einem Abstellgleis hält. Ein Fahrgast gibt mir zu verstehen, dass wir einem entgegen
kommenden Zug Platz machen müssen - danach gehts weiter. Als der Zug an uns vorbei gerauscht ist, setzt sich unser
Zug ganz langsam wieder in Bewegung. Da kommen auf einmal von den Feldern und hinter den Büschen hervor Menschen auf
uns zu gerannt. Ich kann es kaum glauben und schreie zu Elke hinüber: "Die stürmen unseren Zug." Worauf Elke zurück
schreit: "Ja, auf meiner Seite auch." Einige springen an die Fenstergitter und klammern sich daran fest, andere
zwängen sich an mir vorbei ins überfüllte Abteil. Es ist einfach unfassbar, das sind alles Schwarzfahrer.
Jetzt ist der Zug erst richtig voll, sagt mir ein gut Englisch sprechender Inder, mit dem ich mich für längere Zeit
unterhalte. Er erzählt mir, dass er mit dem Zug jeden Tag zur Arbeit fährt und dass er sich an dieses Schauspiel
gewöhnt hätte. Das Chaos bricht aus, wenn der Zug an einem Bahnhof hält und einige Hundert den Zug verlassen und
wieder andere einsteigen wollen.
Elke und ich springen dann auf den Bahnsteig, warten bis alle aus- oder eingestiegen
sind, um beim Anfahren wieder auf zu springen. Zusätzlich steigen Chaiverkäufer mit ihren großen Warmhaltebehältern
ein. Wie sie es schaffen, bei solch einer Menschenmenge in den Waggons noch Tee zu verkaufen, bleibt uns ein Rätsel.
Das Ganze üben wir für 120 Kilometer - ungefähr vier Stunden lang.
Als wir in Neemusch einfahren, muss alles sehr schnell gehen. Der Zug hält nur für ein paar Minuten: Ich renne zum
Gepäckwagen und sehe, wie ein Bahnmitarbeiter versucht, unsere Räder aus dem Wagen zu zerren. Ich kann sie ihm gerade
noch aus den Händen reißen, als der Zug auch schon wieder anfährt. Elke zählt schnell unsere Packs durch und atmet
tief durch: "Gott sei Dank, sie sind alle noch da." Elke sagt zu mir: "So, das ist also Genussreisen." "Na ja", sage
ich, "schlecht wars nicht, das hat eher was mit Abenteuerreisen zu tun." Wir setzen uns auf unsere Räder und fahren
genüsslich aus dem Bahnhof in Richtung Utaipur in die Stadt der sprechenden Kleider.


