Das riesige Maharashtra hat die zweitgrößte Bevölkerungszahl Indiens, es erstreckt sich von der üppig grünen, wenig
bekannten Konkanküste bis in das glühendheiße, ausgetrocknete Zentrum des Subkontinents. Elke und ich entscheiden uns,
parallel der Küste entlang die zirka 600 Kilometer nach Bombay zu radeln. Hier im Süden gibt es noch keine große
Industrie und so radeln wir durch ländliches Gebiet, ohne großen Verkehr. Wir radeln durch herrlich grüne Reisfelder,
mal durch Täler gesäumt von Kokospalmenhainen und dann wieder durch eine Hügellandschaft mit Ausblick bis zum Meer.
An den einfachen Strohhütten sehen wir immer öfters getrockneten Kuhdung, der in pizzagroße Scheiben geformt wird. Er
wird hier als Ersatz für Brennholz benutzt. Anfangs dachte ich, sie hätten so eine Art Eisengestell, um den Kuhdung zu
pressen. Bis ich mit meinen Augen sah, dass der gesammelte Dung mit den eigenen Händen in gleich große Scheiben geformt
wird.
Je weiter wir nach Norden kommen, desto mehr nimmt der Verkehr zu. Er wird immer rücksichtsloser, deshalb müssen wir uns wieder stärker behaupten. Die Verständigung wird zunehmend problematischer, kaum jemand versteht Englisch, wir verständigen uns teilweise mit Händen und Füßen. Die Unterkünfte werden immer schmuddeliger, dreckiger und stinken abartig. Wir bekommen Räume gezeigt, die garantiert in dem letzten Monat keinen Putzlappen gesehen haben, die Bettlaken und Kopfkissen stehen vor Dreck. Jedesmal versichert man uns, dass sie den Raum in zehn Minuten säubern, doch mit dem Putzen ist das so eine Sache, jeder hat davon eine andere Vorstellung. Das schlimmste ist, wenn wir keine Chance haben, weil wir keine andere Unterkunft finden. Dann versuche ich Elke immer klar zu machen, dass auch diese Nacht vorübergeht. Bei den Absteigen direkt am Highway ist es ganz normal, dass sich Großfamilien bis zu zehn Personen oder mehrere Lkw- Fahrer ein Zimmer teilen. Der Lärmpegel steigt am späten Abend ins Unermessliche, bis wir vor Erschöpfung einschlafen.
Zwischen fünf und sechs Uhr in der Früh werden wir durch indische Reinigungsrituale geweckt, die sich grundsätzlich von den europäischen unterscheiden. Und das funktioniert folgendermaßen: Wir versuchen, unsere Nase mit viel Druck in ein Taschentuch zu säubern, anschließend werden die Zähne geputzt und der Mund wird mit Wasser ausgespült. So manch einer fängt an zu gurgeln, was sich anhört wie bei einem verstopften Syphon, bei dem das Wasser nicht richtig ablaufen kann. Ein Inder versucht durch mehrmaliges lautes Hochziehen der Nasenschleimhäute in den Rachenraum seine verschleimte Nase frei zu bekommen. Anschließend probiert er durch heftiges und mehrmaligem Husten und Würgen, die Kehle von allem Ballast zu befreien. Das Ganze hört sich ungefähr so an wie bei meiner ersten Alkoholvergiftung, wo ich Magen- und Gallensäure gleichzeitig erbrochen habe.
Ganz schlimm findet Elke es, wenn sich zehn Männer gleichzeitig säubern. Das ist natürlich auch ein triftiger Grund, unsere Sachen schnell zusammenzupacken und los zu radeln. Elke meint, "an diese ekeligen Geräusche werde ich mich nie gewöhnen können".
Je weiter wir auf Bombay zu fahren, desto hügeliger und heißer wird es. Wir haben gerade einen Pass von 650 Metern
hinter uns, und das bei einer Hitze von 48,8 Grad, da ist eine Pause vonnöten. Klatschnass geschwitzt nehmen wir in
einem Bretterverschlag Platz und bestellen zwei Liter Wasser. Meine Augen bleiben auf einer Palette Eier kleben, was die
Besitzerin sofort bemerkt und mich fragt, ob ich ein Omelette möchte. Schlagartig vergesse ich all die Anstrengungen und
als sie dann auch noch vier Eier aus der Palette nimmt, empfinde ich ein wahres Glücksgefühl.
Ihr Mann fängt sofort ann Zwiebeln zu schälen, bis auf einmal Elke sagt: "Louis, schau mal, der schnipselt sogar Bohnen
in die Eier!" Worauf ich aufspringe, um mir die Bohnen genauer anzusehen. Die vermeintlichen Bohnen entpuppen sich als
drei große Chilischoten, im letzten Moment kann ich ihn davon abhalten, sie mit den Eiern anzubraten. So langsam habe
ich mich an das scharfe Essen gewöhnt, doch was zu viel ist, ist einfach nicht gesund. Am meisten bekomm ich das auf der
Morgentoilette zu spühren, dann steigt bei mir der Angstschweiß, denn das Nachbrennen ist so stark, dass ich die ersten
Kilometer im Stehen fahren muß. Seit wir Goa verlassen haben, versuche ich vergeblich an Toilettenpapier heran zukommen,
nirgendwo gibt es welches zu kaufen, selbst die Apotheken haben keins. Ich mache mir ernsthafte Sorgen, denn unsere
zweilagige Papierrolle neigt sich dem Ende zu, obwohl ich sehr sparsam damit umgehe. Zuhause in Deutschland habe ich
mich darüber aufgeregt, wenn Elke beim Einkaufen am Klopapier sparte und nur ein zweilagiges Papier kaufte. Hier mache
ich mir mittlerweile darüber Gedanken, ob ich nicht von den zwei Lagen eine abrollen soll, um Papier zu sparen.
Wann immer es möglich ist, stehlen wir heimlich die dünnen Papierservietten in den Restaurants, um unseren Allerwertesten abzuputzen. Ich weiß einfach nicht, warum wir das nicht wie die Inder hinbekommen. Nachdem sie ihre Notdurft erledigt haben, reicht ihnen schon eine Handvoll Wasser, um ihr Hinterteil mit der linken Hand zu säubern. Jedes Kind macht das so, warum habe ich damit so ein großes Problem? Vielleicht ist es auch eine Erziehungssache, dass man sich in Europa den Hintern und die Nase mit Papier putzt.
Deshalb habe ich mir einmal so meine Gedanken gemacht. Einmal angenommen, alle indischen Würgeengel würden sich am Morgen die Nase mit einem Tempotaschentuch putzen und das bei derzeit 1,2 Milliarden Menschen... Und einmal angenommen, jeder Inder würde morgens auf der Toilette nur drei einlagige Blätter benötigen, was bei 3,6 Milliarden Blättern plus Taschentüchern eine gewaltige Menge Papier zusätzlich zu entsorgen wäre. Nicht auszudenken, was mit der verstopften Kanalisation passieren würde. Sieht man mein kleines Problem einmal von dieser Seite, macht das Ganze natürlich einen Sinn und meine Toilettenpapierphobie lässt immer mehr nach.
So langsam nähern wir uns wieder der Küstenregion, was wir an der frischen Seeluft spüren, die uns genau ins Gesicht
bläst und uns das Radeln erschwert. Bis nach Alibag sind es an dem heutigen Tag immerhin 111 Kilometer, die uns ganz
schön in die Beine gehen. Morgen früh ist es nur noch ein Katzensprung zur nächsten Fähre, die uns in zirka einer Stunde
rüber nach Bombay bringen soll. Elke sagt zu mir: "Ich bin gespannt, was da drüben alles auf uns zukommt, mit dem
Fahrrad durch Bombay, das macht ja auch nicht jeder." Da muss ich lachen und sage, "Schatzi, wir sind ja auch nicht
jeder."


