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Tattoo

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

Als ich noch ein kleiner Junge war, gab es weder in meiner Familie, noch in meinem Verwandten oder Bekanntenkreis, irgendjemanden der eine Tätowierung hatte. In unserem schwarzweiss Fernseher machte ich die erste Bekanntschaft mit Piraten oder Knastbrüdern, die auf der Brust oder an den Armen eine Tätowierung trugen, auf jeden Fall waren das alles böse Buben und Schurken. In der Schule ließ sich ein Freund, ein Herz mit den Anfangsbuchstaben E u B seiner Angebeteten stechen, leider hatte sie eine Woche später wieder einen anderen und er läuft heute noch mit diesem verkorksten Tattoo herum.

Irgendwann gab es immer mehr Motorradclubs und die mussten als Erkennug und Zugehörigkeit einen Totenkopf oder eine Spinne am Unterarm sichtbar tragen. Die Zeit der Frauen war auch gekommen, eine kleine Rose auf dem Schulterblatt, ein Schmetterling am Fußgelenk, oder ein Herz mit Pfeil über der rechten Brust waren die Anfänge. Die Fortsetzung dieser kleinen Tattoos war zweifelsohne das Arschgeweih, das ab den Neunzigern die Damenwelt über dem Hinterteil schmückte. Als ich so um die 18 Jahre alt war, hatte ich eine Freundin, die sich als kosmetische Verschönerung die Lippenkonturen, die Augenbrauen und den Lidstrich tätowieren lies. Sah anfangs auch gut aus. Ich persönlich hätte mir damals nie ein Tattoo machen lassen, zum einen empfand ich es als eine Verunstaltung meines Körpers und zum anderen hatte ich nicht den Mut dazu.

Durch meine vielen Reisen, durch Südamerika und durch asiatische Länder wurde ich immer wieder mit dem Tätowieren konfrontiert. In der Südsee, auf Samoa beispielsweise, ist die Tätowierung eine Überlieferung der Familiengeschichte und wer sich zu solch einer Überlieferung entscheidet, ist innerhalb der Familie ein Held. Die Tätowierungen, die vom Knie über Bauch und Po bis zum Hals gehen, sind über Generationen weiter gegebene Kunstwerke. Wer sich zu so einer harten und schmerzhaften Prozedur entscheidet, muss nicht nur mental stark sein. Zu dem Ritual gehören tagelang keine Rasur, kein Parfüm, kein Sex und geschlafen wird auf dem harten Fußboden. Als ich vor 25 Jahren durch die Südsee streifte, benutzte man in Samoa noch Haifischzähne, die an einem Bambusstock befestigt waren. Sie wurden in schwarze Tinte getaucht, auf die Haut gestellt und mit einem Rohrstock tief in die Haut eingeschlagen, bis das Blut hervorquoll. Für eine einzige Linie vom Knie bis zur Leiste, müssen die Haifischzähne 80-100 Mal in die Haut eingeschlagen werden. Nur für die Fertigstellung des Oberschenkels werden über 1000 Linien benötigt. Eine komplette Tätowierung dauert oft mehrere Wochen, je nachdem wie lange der Mann oder die Frau pro Tag aushalten und ob sich die Haut entzündet. Die Samoaner sagen, wer den Schmerz aushält ist ein ganzer Mann oder eine ganze Frau, kräftiges Herz, starker Geist. Das Besondere ist nicht, die Tätowierung zu haben, sondern zu wissen, wie es ist, sie zu bekommen, seitdem habe ich vor dieser Art Tattoos einen Heidenrespekt.

Wer sich einmal mit dem Thema Tätowieren beschäftigt, wird im Internet auf Tausende von Informationen stoßen. Doch ich wollte es genauer wissen, da wir schon einmal in Thailand auf Koh Chang sind, wo Leute aus aller Welt hinpilgern, um sich ein Tattoo machen zu lassen. Der Tattoomeister ist am Lonley Beach By One, so nennt er sich mit seinem Künstlernamen. Um ein Interview von ihm zu bekommen, musste ich mir extra einen Termin geben lassen. By One ist ein sehr sympathischer, sehr muskulöser und von oben bis unten voll tätowierter Thailänder. Wo hast du denn deine Tätowierkunst gelernt, frage ich ihn? Lachend schüttelt er den Kopf, das Tätowieren ist kein Beruf, den du so einfach erlernen kannst. Ich habe bei einem Großmeister in Bangkok fast 5 Jahre lang zugeschaut und assistiert, bevor ich zum ersten Mal die Nadel in die Hand genommen habe, mit der Zeit wurde ich immer geschickter und sicherer mit dem Bamboo Stick. Was ist denn der Unterschied zwischen deiner Bambootechnik und der Tätowiermaschine, wollte ich wissen.

Bei der Tätowiermaschine ist darauf zu achten, dass die Farbpartikel in die richtige Hautschicht eingestochen werden. Wird die Farbe nur in die obere Hautschicht eingestochen, verblasst das Tattoo durch die ständige Hauterneuerung, wird sie zu tief gestochen, werden die Farbpartikeln durch das Bluten herausgewaschen, dauerhaft haltbar sind die Farben, die in der mittleren Hautschicht eingelagert werden. Die Tätowiermaschine hat eine Geschwindigkeit zwischen 800 und 7500 Bewegungen pro Minute, je nach gewünschtem Effekt, z.B. bei Linien oder Schattierungen. Zuerst werden mit schwarzer Farbe die Konturen erstellt, die dann später mit Farbe aufgefüllt werden. Die Auswahl der verschiedenen Nadelmengen- und Stärken richtet sich immer nach dem gewünschten Motiv und der angewandten Technik. Bei meiner Bamboo Technik werden die Hautschichten und das Muskelgewebe nicht so zerstört wie bei der Tätowiermaschine, da wir nicht mit so vielen Einstichen arbeiten. Außerdem kommt es kaum zu Blutungen und Schwellungen, was wiederum die Infektionsgefahr verringert. Wichtig ist für mich, dass ich den künstlerischen Wert meiner Arbeit bei meinem Kunden in den Vordergrund stelle.

Tätowierst du alle Motive die der Kunde wünscht? Nein, natürlich nicht, denn auch ich habe meine Prinzipien. Jeder, der von mir tätowiert wird, muss mir ein Dokument unterschreiben, in dem er mir versichert, dass er nicht unter Drogen steht und es aus freier ungezwungener Entscheidung möchte. Alle religiösen Motive, egal welcher Konfession, werden von mir nur oberhalb des Bauchnabels angebracht. Pornografische Tattoos, Kriegsszenen und Hinrichtungsdarstellungen lehne ich strikt ab. Das Tätowieren hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das wurde durch die vielen Promis mit beeinflusst, die ihre Tattoos öffentlich zur Schau stellen. Tätowierungen können heute sehr unterschiedliche Ausdrucksformen, Funktionen und Bedeutungen haben, wie Selbstdarstellung, Geltungssucht und Exklusivität. Weiterhin wird das Tattoo zur Verstärkung sexueller Reize, Schmuck, Protest und zur politischen Stellungnahme genutzt. Immer noch gibt es die Knast-Tätowierungen, bei der die Rangordnung und die Kastenzugehörigkeit durch das Kreuz der Diebe festgelegt sind. Den vielen unterschiedlichen Motiven und Symbolen sind fast keine Grenzen mehr gesetzt und doch kommen immer noch viele aus der Mythologie, wie Drachen und Dämonen, die häufig aus Sagen stammen. Viele Symbole haben heute noch ihre klare Aussagekraft, wie zum Beispiel die Kirchblüte, sie bedeutet Schönheit, Freude und Vergänglichkeit, ein Koi dagegen, Erfolg, Stärke und Glück. Leider gibt es immer weniger davon, denn heute ist der neue Geek oder Nerdcore Stil gefragt, er spiegelt sich aus dem Akademischen und dem Computerbereich, was sich wachsender Begeisterung erfreut. Viele Leute haben klare Vorstellungen von ihren Tattoos, sie kommen über Jahre zu mir um Sie sich erweitern zu lassen, damit daraus einmal ein vollendetes Kunstwerk wird. Bei vielen jungen Leuten sieht es leider nicht so aus, sie lassen sich alles Tätowieren was trendy ist und Trends vergehen nun mal sehr schnell. Aber das alles ist jedermanns Sache und gehört in die Privatsphäre, jeder kann mit seinem Körper machen was er will, solange er auch die Verantwortung darüber trägt.

By One ist so richtig in seinem Element, aus der einen Stunde sind nun zwei geworden, ich muss ihn regelrecht stoppen, mit so viel Infos hatte ich gar nicht gerechnet. Lachend sagt er übermütig zu mir, wenn du einen guten Artikel über mich schreibst, bekommst du von mir ein schönes Tattoo umsonst. Ok, sage ich zu ihm, ich hätte da einen ganz speziellen Wunsch. Kannst du das Rezept vom Frankfurter Kranz auf meinen Bauch und zwar um meinen Bauchnabel herum Tätowieren. Elke kippt vor Lachen fast vom Hocker herunter und By One schaut mich ganz entgeistert an und fragt mich, was ist denn ein Frankfurter Kranz? Also der Frankfurter Kranz ist ein Kuchen und meine Mutter hat den Besten weit und breit gebacken, alle wollten das Rezept von meiner Mutter haben, was sie aber außer mir niemanden gegeben hat. By One runzelt die Stirn und sagt, als erstes unterschreibst du mir, dass du keine Drogen genommen hast und als nächstes musst du mir das Rezept in Thai übersetzen. Als er meinen Bauch sieht fängt er an zu lachen, dick genug ist er ja, aber der muss vorher ordentlich rasiert werden. Da schaltet sich Elke ein, bist du noch ganz bei Trost, hast du mich einmal gefragt, denkst du ich will mir den Rest unseres Lebens das Kuchenrezept von deiner Mutter auf deinem Bauch ansehen. Da hält es mich auch nicht mehr vor Lachen, das war doch nur so eine verrückte Idee, wenn ihr alle gegen das Tattoo seid, werde ich das Rezept vom Frankfurter Kranz eben auf meinem Grabstein verewigen.

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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