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Wir sind Weltmeister

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

Wieder einmal habe ich die Wahl der Qual: das Motorrad das man mir am Vorabend gezeigt und reserviert hat, sieht heute Morgen ganz anders aus, man könnte meinen, es wäre in einer Nacht um Jahre gealtert. Nach langem Palaver und zehnmaliger Versicherung, dass dieses das beste Motorrad sei, was er gerade hätte, lsas ich mich auf den Kuhhandel ein, in der Hoffnung, dass es die Tour durchhält.

Die ersten hundert Kilometer sind eine einzige Baustelle, auf der immer eine Fahrspur geteert wird. Da es keine Verkehrsregelung gibt, versuchen Autos, LKWs, Motorräder, Fahrräder, Ochsenkarren und Fußgänger auf der verbleibenden Spur irgendwie gleichzeitig voran zu kommen. Mit 380 Kilometern Länge und nur 12 bis 80 Kilometern Breite, ist Fores unter der Inselgruppe Nusa Tenggares die zweitgrößte und die landschaftlich schönste und abwechslungsreichste Insel. Über die gesamte Insel erstreckt sich ein bewaldeter und zerklüfteter Gebirgszug mit mehreren Vulkanen, die über 2000m hoch sind. Trotz der vielen Schlaglöcher meistere ich den ersten Vulkan, bevor wir in die 1000m hoch gelegene Stadt Ruteng kommen. Die Zimmersuche gestaltet sich schwieriger als gedacht. Im Schwesternheim Wisma Santa Maria werde ich wegen einer Gruppe Holländer abgewiesen, also bleibt noch das Rima Hotel. Das rustikale Hotel, das mit dunklen Holzlatten zusammen gezimmert wurde, sieht eher aus wie eine Almhütte. Auf den durchgebogenen Matratzen ist zunächst an Schlaf nicht zu denken und als dann auch noch eine Horde von Ratten über uns im Dachgebälk aktiv wird, ist es aus mit dem Schlafen.

Nach einem starken indonesischen Kaffee, der hier in den Bergen in kleinen Kooperativen hergestellt wird, geht es weiter in Richtung Bajawa durch malerische Bergdörfer, wo die Landschaft immer faszinierender wird. Hier in den kühlen Bergen lebt das Volk der Ngada, immer noch traditionell mit Geisterhäuschen und Totenhäusern. Die Talismane und Hörner an ihren Bambushäusern zeugen heute noch von vergangenen Zeremonien und Festlichkeiten, die gleichzeitig Schutz vor Dämonen bieten sollen. Bajawan ist regelrecht umzingelt von Vulkanen, deren Vulkankegel bis zu 2250m hoch ragen. Der schwefelige Geruch lässt die Aktivität nur erahnen. Etwas außerhalb beziehen wir ein sauberes Zimmer im Hotel Silverin mit superweichen Matratzen und einem herrlichen Blick über die grandiose Vulkanlandschaft. Am nächsten Morgen fahren wir nach einem reichhaltigen Frühstück hinunter zum Meer, wo wir auf halber Höhe ein Dorf passieren, in dem es schon von weiten ungewöhnlich stark nach Schnaps riecht. Elke entdeckt den ersten Schnapsbrenner, den wir auch gleich besichtigen und unseren ersten Palmwein, der hier auch Arak heißt, verkosten. Schon der Geruch erinnert an Benzin, nach dem ersten Schluck schnappt Elke hustend nach Luft, natürlich war der Arak nicht verdünnt und hatte noch über 80% Alkohol. Mit diesem Getränk sollte man vorsichtig sein, auf der Nachbarinsel Lombok kamen schon Touristen durch zu viel Arak zu Tode. Die letzten Kilometer zur Hafenstadt Ende fahren wir immer am Meer entlang. Ende ist die wichtigste Stadt der Insel, sie hat 60.000 Einwohner, einige Museen, einen Morgenmarkt, einen interessanten Textilmarkt sowie zwei Häfen. Das Wetter verändert sich, dunkle Wolken hängen am Himmel, die nichts Gutes bedeuten, es wird höchste Zeit eine Unterkunft zu finden.

Da heute Nacht das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft Deutschland-Argentinien stattfindet, suchen wir nach einem Hotel mit einem Fernseher. Die normalen Gästehäuser haben alle keinen Fernseher, also müssen wir in der mittleren oder sogar in der gehobenen Hotelklasse Ausschau halten, was sehr teuer werden kann. Das neu erbaute Grand Wisata Hotel scheint uns mit seiner protzigen Eingangshalle geeignet zu sein. Die erste Frage, die ich dem Empfangschef stelle: “Haben sie in ihrem Hotel einen Fernseher und wird heute Nacht das Fußballendspiel übertragen?” Achselzuckend und kopfschüttelnd sagt er, weiß nicht, kann sein. Na super, der hat wieder mal keine Ahnung. Auf der ganzen Welt wird das Endspiel im Fernsehen übertragen, warum also nicht hier. Über dem Empfangsschalter hängen drei große Uhren mit jeweils einer Stunde Unterschied. Die linke Uhr zeigt die Zeit von Papua an, die mittlere ist von Flores und die rechte von Java. Indonesien hat drei Zeitzonen und wer kann mir sagen, wann heute Nacht das Fußballspiel beginnt? Wieder ein Achselzucken und ein weiß nicht, ich glaube um Mitternacht. OK, sag ich, wir nehmen das Zimmer, umso mehr bin ich erfreut, das ich im TV1 höre, dass das Endspiel live übertragen wird. Meine Stimmung steigt, ich mache mich auf den Weg zum Supermarkt, um ein paar Bierchen für die Nacht zu besorgen, jetzt kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Da Elke sich nicht für das Spiel interessiert, sitze ich kurz vor 24 Uhr nervös alleine vorm Fernseher. Es ist schon nach 24 Uhr und immer noch kein Anpfiff, naja denke ich, dann wird es doch erst um 1 Uhr losgehen. Nach langem hin und her und unzähligen Fußballwiederholungen ist es endlich 1 Uhr und immer noch kein Anpfiff. Als wir wieder über der Zeit sind, werde ich langsam sauer und Elke auch, da sie mein ständiges Gejammere nicht mehr hören kann. Um kurz vor 2 Uhr kann ich die Augen kaum noch aufhalten. Als ich die Einblendung sehe, dass in 60 Minuten das Endspiel beginnt, schalte ich den Fernseher aus und stelle mir den Wecker auf zehn vor drei, das Gebimmel reißt mich und Elke aus dem Halbschlaf.

Endlich ist es so weit, Deutschland und Argentinien stehen auf dem Platz, der Schiedsrichter nimmt seine Pfeife in den Mund und genau in der Sekunde flimmert der Fernseher schwarz-weiß. Geschockt starre ich auf den Fernseher, das glaube ich nicht, das darf doch alles nicht wahr sein, schreie ich laut vor mich hin, die ganze Welt schaut Fußball und ich sitze hier vor einem schwarzen Kasten. Da klingelt auch schon das Telefon, der Nachtportier bittet mich zur Rezeption zu kommen, meine Stimmung wird wieder besser, sicherlich haben die ein anderes Programm, so hoffe ich. In der Empfangshalle werde ich schon erwartet, vor dem Hotel stehen mindestens zehn Motorradfahrer im strömenden Regen, die alle auf mich warten. Bevor ich das Ganze überhaupt realisiere, was denn eigentlich los ist, sitze ich auf einem Motorrad. Mit einem Affenzahn rasen wir durch die dunkle Stadt, durch enge Gassen und Hinterhöfe, bis ich in einem Innenhof eine große leuchtende Leinwand erkenne. Triefend nass lädt mich mein Fahrer ab, sofort werde ich von zirka 80 Fußballfans, allesamt in blaue argentinische Trikots gekleidet, begrüßt. Ich kann es fast nicht glauben, auf der Leinwand sehe ich das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien und ich bin der einzige Deutschlandfan, wenn das mal gut geht. Die Jungs sind alle alkoholisch gut drauf und so werden viele Späße gemacht, was mich ein bisschen an das Spiel Deutschland gegen Portugal in Sulawesi erinnert. Alle sind natürlich sehr zuversichtlich, dass die Argentinier gewinnen, umso mehr sind alle geschockt, als in der Verlängerung ein Tor für Deutschland fällt. Nach dem Abpfiff bekomme ich fairerweise von jedem einen Handschlag und mein Motorradfahrer bringt mich um 6 Uhr am Morgen wieder in unser Hotel zurück. Elke schaut mich mit verschlafenen Augen an und fragt, wer hat gewonnen, du wirst es nicht glauben, wir sind Weltmeister.

Die Wetterprognosen sind nicht gut, deshalb beschließen wir, den Rückweg anzutreten. Die Fahrt nach Bajawan über den ersten Vulkan ist regnerisch, kalt und gefährlich. Wir nisten uns in unserem alten Hotel Silverin ein, wo wir uns bei einer heißen Suppe aufwärmen. Am Morgen wird das Wetter besser und als die Sonne zum Vorschein kommt, macht das Motorrad fahren wieder richtig Spaß. Vorbei an den winkenden Schnapsbrennern fahren wir bis nach Cancar, hier will Elke sich unbedingt die berühmten Spinnennetz-Reisfelder anschauen. Die Felder sind Strahlenförmig angelegt und haben dadurch eine ganz spezielle Bewässerungsfunktion Zudem sind die Peitschenkämpfe, auch Cacil genannt, als alte Rituale hier in der Gegend bekannt, sie werden bei Hochzeiten und dem Erntedankfest aufgeführt. Die letzte Übernachtung ist wieder in Ruteng, wo ich wieder zum Schwesternheim Wisma Santa Maria gehe und diesmal haben wir Glück. Wir bekommen ein kleines Zimmer, das sehr sauber ist, allerdings bohren sich die Eisenfedern der Matratze in der Nacht ganz langsam in unsere Körper. Nebenan gibt es tatsächlich die Mission des Heiligen Aloisius, doch der hilft uns am nächsten Morgen, bei unseren Schmerzen auch nicht. Zurück in Labuan Bajo suchen wir uns eine Unterkunft weit weg vom Stadtkern und weit weg von allen Moscheen. Es ist immer noch Ramadan und die nächtlichen Gesänge werden immer lauter und intensiver.

Es war schon immer ein Traum von Elke und mir, mit einem Segelboot von Flores durch die indonesische Inselwelt nach Lombok zu fahren, vorbei an den schönsten Buchten der Welt, wo es die tollste Unterwasserwelt gibt und einfach nur Ruhe und Entspannung, dieses Mal sollte der Traum Wirklichkeit werden. Die Besitzerin unseres Gasthauses vermittelt die Tour, immer wieder versichert sie, dass es ein schönes großes Segelschiff ist. Also vertrauen wir ihr, bezahlen einen traumhaften Segeltörn für 4 Tage und 3 Nächte inklusive 3 Mahlzeiten am Tag, Tee, Kaffee und Wasser, so viel wir wollen. Immer wenn ich sie frage ,wo denn das schöne Segelboot zu besichtigen sei, erklärt sie uns, dass es noch nicht da sei und erst Morgen komme und so vertröstet sie uns bis zu dem Morgen wo die Tour beginnt. Um 8 Uhr treffen wir uns bei einer Agentur ohne Namen und ich wundere mich, wie viele Leute da zusammen kommen, das muss schon ein großes Segelboot sein, sage ich zu Elke. Gemeinsam wandern wir zum Hafen, wo ich verzweifelt nach einem zwei oder Dreimaster Ausschau halte. Wir bleiben bei einem Holzkasten stehen, der aussieht, als würde er Bierkisten und Lebensmittel von einer Insel zur anderen bringen. Auf dem Vorderdeck ragt eine 3m lange Bambusstange heraus, an der eine blaue verdreckte Plastikplane befestigt ist, dieses soll wahrscheinlich unser Segel sein. Auf dem Oberdeck befindet sich ein weiterer 60cm hoher Aufbau, der uns als Schlafplatz zugewiesen wird. Da es nur 11 Schlafplätze gibt, müssen die anderen 12 Personen auf dem Vorderdeck die Nacht verbringen, hinzu kommen noch einmal 5 Besatzungsmitglieder, die in der Küche schlafen. Ich halte Ausschau nach irgendwelchen Sicherheitsvorkehrungen und entdecke auf der Schiffsspitze einen Einbaum, in dem höchstens 3 Personen Platz haben, ich kann sogar einige Schwimmwesten erkennen. Als wir auslaufen, sieht unser Holzkahn aus wie ein überfülltes Flüchtlingsboot, das kurz vorm Sinken ist. Elke hatte bei der Schlafplatzverteilung sofort reagiert und uns über der Kochstelle und über der Toilette zwei Matratzen reserviert, mit Absprung ins Meer, falls es brenzlig wird.

Wir steuern die erste unbewohnte Insel Rinca an, hier leben wilde Pferde, Hirsche, Schweine und mächtige Büffel, die den hier lebenden Waranen als Nahrung dienen. Warane können weder gut hören noch gut sehen, dafür ist ihr Geruchsinn umso besser, sie können ihre Beute aus vielen Kilometern wahrnehmen. Diese Tiere werden bis zu 3m lang und können bis zu 135kg schwer werden, dadurch sehen sie mit ihren stark ausgebauten Muskeln gefährlich aus. Das Gift, das sie in ihrem Unterkiefer produzieren, reicht aus, um mit einem Biss der Beute eine starke Vergiftung zuzufügen. Unsere erste Inselexpedition hat den Charakter einer Wandergruppe im Pfälzer Wald, bei dem viel gelacht und geredet wird, so dass die Wahrscheinlichkeit, einen Waran zu sehen, sehr gering ist. Immerhin sichten wir drei Exemplare, die tausendfach abgelichtet werden und alle sind froh, bei dieser brütenden Hitze wieder zurück auf dem Boot zu sein. Weiter geht es in eine malerische Bucht bei Komodo zum Schnorcheln. Das glasklare Wasser und die Unterwasserwelt gleichen einem Garten Eden, bei dem man die Zeit vergisst.

Also liebe Leser, wer wissen will, wie wir diese spannende und abenteuerliche Bootsfahrt überlebt haben, erfährt es, wenn wir wieder zuhause sind, bei einem guten Wein, unserer kulinarischen Diashows, oder vielleicht in einem kleinen Buch der Weinschmitts

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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