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Ramadan

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

Die Beerdigungszeremonien in Tana Toraja sind für uns schon eine echte mentale Herausforderung gewesen, deshalb wird es Zeit, dass wir wieder zurück nach Bira zu Riswan und seiner Familie kommen. Als ich das Motorrad zurückgebe, steht auf dem Tacho 1350 Kilometer, niemand schaut sich das Motorrad auf eventuelle Schäden an, auch dass ich 4 Tage länger unterwegs war, interessiert niemanden und als ich dem Besitzer 200.000 Rupien in die Hand drücke, schaut er mich verdutzt an, den Knick in seinem Wandkalender hatte er längst vergessen.

Im Gästehaus Riswan bekommen wir wieder unser altes Zimmer und am Abend ist ein Grillfest angesagt. Irma war wieder auf dem Morgenmarkt und hat frische 2-3 Kilo schweren Tunfisch ergattert, mit dem sie nicht weiß, was sie machen soll. Als sie ihn mir zeigt, weiß ich warum, es ist ein sehr seltener Gelbflossenthunfisch, für den die Japaner ein Vermögen bezahlen, doch da die Marktfrau auch nicht wusste, was sie mit diesem edlen Fisch anfangen sollte, hat sie ihn Irma sogar noch billiger verkauft. Dieses seltene Prachtexemplar darf ich höchstpersönlich zubereiten. Die zwei Zentimeter dicken Scheiben brate ich nur kurz von beiden Seiten an und lasse sie anschließend belegt mit Zitronengras und frisch gestoßenem Pfeffer im Bananenblatt für 20 Minuten ziehen. In der Zwischenzeit kocht Irma ein Kokos-Currysoße und dazu leicht gedünsteten Wasserspinat, auf dem wir das Thunfischsteak anrichten. Zu diesem rosa gebratenen butterzarten Fisch wäre eine 2013er Riesling Spätlese aus dem Königswingert vom Weingut Zimmermann aus Wachenheim eine Offenbarung.

Die Fastenzeit, der Ramadan der Moslem, ist im vollen Gange, deshalb gibt es tagsüber auch keine großen Bewegungen im Dorf. Jeder döst irgendwo in einer Ecke auf einem Bambusgestell, unter einem Baum oder in einer Hängematte herum. Alle warten sie auf den Sonnenuntergang, damit sie wieder essen und trinken dürfen, was meistens mit einem kleinen Feuerwerk eingeleitet wird. Die meisten Moslems halten sich strikt an das Essen- und Trinkverbot, Kinder und schwangere Frauen sind davon ausgenommen. Irma nimmt den Ramadan sehr genau, so dass sie während des Tages noch nicht einmal ihre eigene Spucke schluckt, permanent spuckt sie ihren Speichel aus und das einen ganzen Monat lang.

Was dieses Mal den Ramadan ein bisschen bunter macht sind die vielen verschiedenen Fußball-Trikots, in denen fast jeder zweite Indonesier herum läuft. Die Fußball Weltmeisterschaft hat mit den ersten Ausscheidungsspielen begonnen, scheibchenweise bekommen wir immer einmal etwas mit. Heute Nacht um 12 Uhr spielt Deutschland gegen Portugal und ich werde zu diesem Spiel von einer jungen Gruppe von 40-50 Leuten eingeladen. Aber man warnt mich gleich vor, ich würde mich im Headquarter, also im Fanclub von den Portugiesen, befinden und es werde nicht einfach für mich. Da Elke mit Fußball überhaupt nichts am Hut hat, mache ich mich alleine kurz vor Mitternacht auf den Weg in die Höhle des Löwen. Ich werde von allen sehr nett begrüßt und mit einem weiteren deutschen Paar und einem Indonesier, der sich zu dem deutschen Team bekennt, bilden wir zu viert einen kleinen Fanblock gegen eine Übermacht von fast 40 ausgelassenen Portugalfans. Als der Namen Ronaldo fällt drehen fast alle durch, so euphorisch wird ihr Held gefeiert. Die Stimmung steigt und bevor der Schiedsrichter anpfeift, macht noch einmal eine Whiskyflasche die Runde und alle sind sich sicher, dass Deutschland mit wehenden Fahnen untergeht. Es dauert nicht lange da fällt auch schon das 1:0 für Deutschland, zu viert springt unser kleiner Fanclub auf und klatscht sich mit den Händen unter lautem Geschrei ab. Noch ist die Stimmung gut, denn ihr Superheld Ronaldo wird alles richten und so kreist die Whiskyflasche erneut. Beim 2:0 sieht die Welt schon anders aus, die Stimmung scheint so langsam zu kippen, die Whiskyflasche wird nicht mehr herumgereicht. So langsam bekomme ich ein mulmiges Gefühl und ich mache mir Gedanken, was passiert, wenn wir tatsächlich gewinnen und genau in diesem Moment fällt das 3:0. Zwei Sekunden später geht der Fernseher aus, außer unserem kleinen Fanclub lacht keiner mehr im Raum, Probleme liegen in der Luft. Was ich nicht wusste war, dass viele hier im Raum hohe Summen auf das Spiel gewettet haben und zwar auf Portugal. Noch während unser Fanclub beratschlagt, wie es denn jetzt weiter gehen soll, teilt man uns mit, dass das Spiel nicht weiter übertragen werde und unser Aufenthalt ab sofort unerwünscht sei. Jede Diskussion wäre jetzt fehl am Platz, also machen wir mit freundlicher Miene, dass wir Land gewinnen. Nur 50 Meter weiter auf der anderen Straßenseite empfängt man uns mit großem Beifall und so sehen wir uns die zweite Halbzeit in einem anderen Lokal an. Hier feiern wir mit den anderen Gästen den 4:1 Sieg Deutschlands über Portugal.

Als ich am nächsten Tag am Warung Headquarter Portugal vorbei laufe, kommen mir einige stark alkoholisierte Jungs entgegen und gratulieren mir zum deutschen Sieg. Einige entschuldigen sich bei mir für ihr schlechtes Benehmen am Vorabend und versichern mir, dass es nichts mit mir zu tun hat, ich bekomme sogar wieder eine Einladung für das nächste Deutschlandspiel.

Die letzten paar Tage, die wir hier in Bira und auf Sulawesi verbringen, sind sehr angenehm, vielleicht hat das auch etwas mit dem Ramadan zu tun. Die Geschäfte sowie die Warungs sind fast alle geschlossen und die Strände sind menschenleer. Die Leute von Bira grüßen uns überall, egal ob wir auf dem Morgenmarkt herum stöbern, bei der Werft uns die Holzboote zum zwanzigsten mal anschauen, im Hafen mit den Fischern plaudern, oder einfach nur durch den Ort schlendern. Wir fühlen uns hier so wohl als würden wir zu Hause in St. Martin leben, aber auch diese Zeit geht nun mal zu Ende. Zum Abschied stehen Riswan, Irma und die Kinder vor uns mit zwei bunten Sarongs in der Hand: hier, sagt Irma, damit ihr uns nicht so schnell vergesst. Mit Wehmut verlassen wir sie und gehen auf die Fähre, die uns nach Flores bringen soll.

Die Fähre legt erst um Mitternacht ab, aber Riswan meinte, dass es besser sei, schon ab 21 Uhr da zu sein, weil sie oft überfüllt ist. Womit er wieder einmal mehr wie Recht hat, denn das, was wir auf dem Personendeck sehen, verschlägt uns die Sprache. Nicht nur auf den Eisenstühlen, sofern es überhaupt welche gibt, nein auf dem Boden liegen überall Frauen mit ihren Kindern herum, und die Männer, die sich in Gruppen auf Bastmatten zusammengesetzt haben, sind alle am Rauchen. Elke und ich versuchen, irgendwo auch nur ein paar Zentimeter zu ergattern, es ist einfach unmöglich. Na, das kann ja heiter werden, sag ich zu Elke und verschwinde in die First Class Abteilung, um dort eventuell noch einen Platz zu bekommen. Wir haben Glück, mit einem kleinen Aufpreis bekommen wir zwei Sitze, aus denen zwar die Metallfedern heraus hängen, aber das ist uns egal, Hauptsache wir müssen keine 32 Stunden stehen. Ein überdimensionierter Bildschirm, auf dem wir laute Kitschfilme sehen, macht eine Kommunikation fast unmöglich. Hinzu kommt das weiße Neonlicht, das einem in den Augen weh tut, wir haben keine Wahl, da müssen wir jetzt einfach durch. Mit lautem Sirenengeheul fahren wir um Mitternacht los, zunächst spüren wir nur ein leichtes Schwanken, das sehr angenehm ist. Doch nach kurzer Zeit kracht und scheppert es auf der Fähre so laut, als wollte sie auseinanderbrechen. Die Wellen, die jetzt eine stattliche Höhe annehmen, rütteln gewaltig an der vorderen Ladeluke. Die Kinder fangen an zu schreien und die ersten Seekranken übergeben sich mit lautem Würgen. Für zirka 250 Frauen, Männer und Kinder stehen genau zwei Toiletten zu Verfügung, die ab sofort nicht mehr zu benutzen sind. Ich schaue Elke mit ernster Miene an, wir sind jetzt erst 3 Stunden auf See, wie sollen wir die anderen 29 vor uns liegenden Stunden überstehen. Wir sind regelrecht in diesem verrosteten Eisenkasten gefangen, wenn da was passiert, gibt es kein Entrinnen. Ich muss hier raus, sag ich zu Elke, ich muss herausfinden, wo es hier einen Notausgang gibt, alles leichter gesagt als getan. Im vorderen Teil des Schiffes sind alle Türen, die nach außen gehen, verschlossen, also kämpfe ich mich zunächst durch die engen Sitze der ersten Klasse, um in die zweite Klasse zu gelangen. Jetzt wird’s spannend, ich jongliere über schlafende, essende, neben dran brechende Menschenleiber so langsam nach hinten, wo ich eine Meeresbrise verspüre. Es ist einfach schwer zu beschreiben, wie es hier aussieht, diese Menschen haben alles mitgebracht, was sie für sich und ihre Familie die nächsten Tage zum Leben brauchen, vor allem Unmengen von Essen und Getränken. Tatsächlich finde ich die einzige offene Tür, die nach draußen führt und sofort bläst mit ein kräftiger Wind um die Nase. Ich klettere die Eisenleiter hoch zum Oberdeck, von wo aus die Wellen gar nicht mehr so groß aussehen. Immer weiter an der Reling entlang arbeite ich mich nach vorne bis zum Kapitän, der in fröhlicher Runde mit dem Steuermann und vier weiteren Matrosen ein Bier trinkt. Als sie mich sehen, werde ich sofort herein gebeten und bekomme auch eins in die Hand gedrückt. Ich kann das alles nicht glauben, hier oben wird in fröhlicher Runde gefeiert und ein Stockwerk tiefer ist die Hölle los. Natürlich bemerken sie meine Verwirrung und der Kapitän erklärt mir beruhigend, dass der Wellengang wie immer ist und dass auch keine größeren Unwetter zu befürchten sind. Indonesier haben Probleme wenn sie mit einem Auto, Bus, Zug oder mit dem Schiff reisen, das alles wird sich bis morgen früh wieder normalisieren. Na dann will ich mal wieder nach unten wanken und verabschiede mich mit bestem Dank für das Bier. Als ich mich wieder über die vielen Menschenleiber in Richtung Elke bewege, steigt mir ein übelriechender Duft in die Nase. Als ich mich neben Elke in den Sitz fallen lasse, schaut mich Elke fragend an. Ich nehme ihre Hand und sage tief durchatmend, Elke es wird alles gut, ich weiß zwar nicht wie, aber auch diese Schifffahrt geht irgendwann einmal zu Ende.

Wie es weiter geht, wie wir diese chaotische Schiffsfahrt überstehen und die ersten Eindrücke aus der Hafenstadt Labuan Bajo, erfährt Ihr, wenn wir wieder Zuhause sind, bei einem guten Glas Wein, oder bei unseren beliebten kulinarischen Diashows, vielleicht auch in einem kleinen Buch der Weinschmitts.

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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