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Raketen auf dem Batang Rajang

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

Es gibt zwei Möglichkeiten durch Borneo zu reisen: einmal mit dem Bus entlang der Nationalstraße durch überwiegend abgeholzten Urwald oder mit dem Boot auf dem fast parallel verlaufenden Batang Rajang. Die letzte Variante erscheint uns interessanter und abenteuerlicher.

Für den ersten Abschnitt von Kuching nach Sibu, immerhin 150 Kilometer mit dem Schnellboot übers offene Meer, benötigen wir fast 5 Stunden. Der letzte Teil der Bootsfahrt gefällt uns am besten, da Sibu in einem Wasserlabyrinth liegt und Elke auf einer Sandbank ihr erstes Krokodil sieht. Elke überrascht mich mit einem Kek Lapis, den sie extra für die Überfahrt gekauft hat. Es ist ein Kuchen mit einer Art Biskuitteig, der in den verschiedensten und schillerndsten Farben geschichtet ist, einmal als Dreieck oder als Rauten und dann wieder im Zick Zack. Wenn ich einmal davon gekostet habe, fällt es mir nur schwer, die Finger davon zu lassen. Vorbei an riesigen Transportschiffen, die total mit Holzstämmen überladen sind, halten wir kurz nach der siebenstöckigen chinesischen Pagode an der Anlegestelle. Sibu ist mit 240 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sarawaks und hat einen sehr bedeutenden Hafen mit dem Umschlagzentrum für Waren aus dem Landesinneren. Hier leben über 60% Chinesen, deshalb wundert es uns nicht, dass hier alle Straßennamen in chinesischen Schriftzeichen geschrieben sind. Auch die Märkte sind chinesisch geprägt, hier findet man so manche exotische Zutaten der einheimischen Küche, ebenso werden Haustiere angeboten und stapelweise übelriechender Trockenfisch.

Wir stehen vor einem großen Schwanendenkmal aus Beton, es soll die Entwicklung von einem hässlichen Entlein zu einem schönen Schwan symbolisieren, was es meiner Meinung nach noch nicht geschafft hat. Neben buddhistischen Einrichtungen prägen christliche Kirchen und Schulen das religiöse Leben, weit mehr als die wenigen Moscheen. Auf dem Nachtmarkt werden hunderte von kleinen Garküchen aufgebaut, das Essensangebot ist so groß, dass es uns schwerfällt eine Entscheidung zu treffen. Letztendlich bestellt sich Elke ein scharfes Fischcurry und ich ein Rehgulasch, wobei ich mir da bei dem Reh nicht ganz sicher bin.

Am nächsten Morgen ist die Weiterfahrt geplant, es gibt keine Reservierungen, man findet sich an der Anlegestelle ein und wenn das Boot voll ist geht’s los. Ab hier sehen die Boote aus wie Raketen, oben sind sie abgeflacht für Gepäckstücke und rundherum befindet sich ein Steg, um in die Einstiegluken zu gelangen. Im hinteren Teil befinden sich zwei 8 Zylindermotoren die jeweils 400 PS aufbringen um uns die 160 Kilometer nach Kabit zu transportieren. Es ist unglaublich mit welcher Geschwindigkeit diese Boote diesen gewaltigen Strom flussaufwärts fahren, von einer idyllischen Flussfahrt bleibt da nicht viel übrig. In dem rostbraunen Wasser können wir viele Bagger sehen, die versuchen, die durch Erosion verursachte Versandung zu stoppen. Ständig kommen uns riesige Holztransporte entgegen, die Baumstämme flussabwärts befördern. Die vielen Holzfällercamps links und rechts des 563 km langen Batang Rajang zeugen von den schwindenden Regenwäldern. Zurück bleibt rotbraune Erde, die sich in den nächsten 2-3 Generationen nicht wieder regenerieren wird. Die großen malaysischen Logging Companies ziehen weiter um ihr erworbenes Know-How in Sibirien, Brasilien oder in Neu Guinea einzusetzen und der Welt durch ihren Profit noch mehr schaden zuzufügen.

Da fährt man quasi bis ans Ende der Welt um ein verschlafenes Dschungeldorf zu finden und dann steht man in Kapit einer finanzkräftigen Stadt gegenüber, die Goldgräberstimmung vermittelt. Die hohen Löhne der Holzfäller haben Kapit reich gemacht und so findet man überall Produkte der westlichen Zivilisation wie Fernseher, Generatoren, Jeans, Pizza und Eiscreme. Die Stadt hat als letzte Bastion vor der Wildnis überhaupt kein richtiges Straßennetz und doch fahren Motorräder, Autos und Minibusse herum. Wie es nach dem großen Holzboom weiter gehen soll weiß hier niemand, alle hoffen auf große Investoren. Die hier lebenden Iban zählen zur Mehrheit der Bevölkerung, nimmt man noch die Orang Ulus dazu kommt man auf 90% indigene Völker.

Tätowierungen sind bei den Iban sehr beliebt, so erkennen wir Blumenmuster, Drachen, Vögel und Frauenköpfe auf ihren Schultern. Weiter flussaufwärts leben überwiegend Kayan und andere Orang Ulu, wie die Ukit, Penan, Lahanan und die Kenyah. Sie leben in den letzten Primär- und Sekundärwäldern rings um die Pelagus Rapids, die zu einem Nationalpark erklärt werden sollen. Und genau da wollen wir hin, wären da nicht die gefährlichsten Stromschnellen des Batang Rajang.

Von Kapit hinauf nach Belaga sind es nochmal 4-6 Stunden, je nach Wasserstand des Rajang, deshalb steigen wir um in ein kleineres Boot, das am Rumpf zusätzlich mit Stahlplatten gepanzert ist. Ein speziell geschulter und wagemutiger Kapitän, der die gefährlichen und wild schäumenden Stromschnellen so gut wie seine Westentasche kennt, steuert das Schnellboot. Zunächst geht es noch ganz ruhig und gemächlich, den immer schmaler werdenden Fluss hinauf, der in der Regenzeit über 18m ansteigen kann. Vorbei an den traditionellen Langhäusern, die es in ganz Borneo gibt, für uns hier aber am ursprünglichsten aussehen. Langhäuser stehen meistens an Flüssen, auf 5 m hohen Pfählen und sind bis zu 200 m lang und 20 m breit. Je nach Sippe leben in einem Langhaus über 300 Personen, wobei jede Großfamilie ihren eigenen Raum besitzt. Auf der Rückseite befinden sich die einzelnen Küchen und auf der überdachten Vorderseite eine durchgehende Veranda. Sie dient als Gemeinschaftsraum und Platz für große Feierlichkeiten oder für die alltäglichen gemeinsamen Arbeiten, wie Reis mahlen oder Fischernetze flicken. Unter den Häusern leben allerlei Haustiere wie Schweine, Hühner, Enten, Hunde und Katzen. Die modernen Langhäuser in den Kleinstädten werden heute überwiegend aus Stein gebaut und im Untergeschoss haben Motorräder und Autos die Haustiere vertrieben. Vielen Touristen Borneos versucht man für teures Geld einen Besuch in den Langhäusern zu verkaufen. Hier werden sie vom Häuptling oder von einer kleinen Abordnung begrüßt, auf der Gemeinschaftsveranda werden kleine Snacks gereicht. Nachdem man die Gastgeschenke übergeben hat, beginnt eine kleine Tanzdarbietung, bei der die Gäste aktiv aufgefordert werden mitzutanzen, was zu einem heiteren Abend beitragen kann. Ansonsten zieht man sich in seine vorgesehenen Schlafgemächer zurück um am nächsten Morgen, nach dem Kauf von Kunsthandwerksgegenständen, wieder zurück zu seinem Ausgangspunkt gebracht zu werden.

Unser Kapitän bittet um größte Aufmerksamkeit, denn die Pelagus Rapits liegen vor uns und sehen vom Boot aus sehr bedrohlich aus. Ich stehe genau hinter dem Kapitän, um alles gut miterleben zu können, wie wir teilweise um Unterwasser liegende Felsbrocken und umgestürzte Bäume herum fahren. Ich kann es nicht glauben, die Stromschnellen werden immer größer und die Gischt spritzt zu uns bis ins Boot. Vorsichtig fährt er in die Treppen hinein, bis er an die Felsen anstößt. Danach lässt er sich bis zu 10 Meter zurücktreiben, um dann mit vollem Speed über die Treppen zu springen. Es kracht und scheppert an allen Ecken und Enden und das Boot droht auseinander zu brechen, dabei heißt es sich gut festzuhalten. Geschickt lenkt der Kapitän unser Boot durch die Stromschnellen und nach einer Stunde übergibt er das Ruder einem Jüngeren. Als der Steuermann jedoch aus der Kapitänskajüte kommt, ist er schwer am wanken und wir stellen mit Entsetzen fest, dass er total betrunken ist.

Wie wir das verschlafene Dorf Belaga erleben und wie wir aus dem Dschungel wieder herauskommen, erfährt ihr, wenn wir wieder zuhause sind, bei einem guten Glas Wein, oder bei unseren beliebten kulinarischen Diashows, vielleicht auch in einem kleinen Buch der Weinschmitts …

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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