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Perle des Orients

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

An der Grenze zu Malaysia bekommen wir freundlich und ohne Komplikationen unseren Einreisestempel für drei Monate. In unserem Minibus befindet sich ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, die meisten davon wollen sich in Penang auf der thailändischen Botschaft eine Visaverlängerung machen lassen. Roland und Chris, zwei Junggesellen aus Berlin, haben nur noch 14 Tage Urlaub, deshalb wollen sie den Norden von Malaysia unsicher machen. Der Ausgangspunkt für unsere Exkursion ist Penang, auch Georgetown genannt. Hier waren Elke und ich bei unserer ersten Weltumradlung vor 20 Jahren. Zum zweiten Mal als wir mit dem Fahrrad von Singapur die Westküste Malaysias hoch radelten.

Damals 2004 zerstörte der Tsunami die Westküste, große Teile Thailands und Malaysias. Bei Sonnenuntergang fahren wir über die imposante 13,5 km lange Penang Bridge, die die Insel mit dem Festland verbindet. Penang wird auch 'Perle des Orients' genannt, hier leben größtenteils Chinesen, Malaien, Inder, einige Araber und wenige Europäer. Das interessante Zusammenleben der verschiedensten Religionen ist hier beispielhaft, so leben Moslems, Christen, Hindus, und Buddhisten Tür an Tür. Es gibt wohl kaum ein Gebiet der Welt, wo auf so kleinem Raum die unterschiedlichsten Religionen ausgeübt werden, die unterschiedlichsten Nationalitäten leben und wo die größte Vielfalt verschiedener Sprachen gesprochen wird. Wenn wir abends durch das noch gut erhaltene koloniale Zentrum laufen und Chinesen ihre Räucherstäbchen in ihren Ahnentempeln abbrennen und eine Straße weiter der Muezzin zum Gebet ruft, hat das alles etwas ganz spezielles. In Chinatown herrscht ein Gewühl von Verkehrsmitteln aller Art, hunderte von Fahrradrikschas drängeln sich zwischen Marktständen hindurch, vorbei an offenen Garküchen, in denen gebrutzelt und gekocht wird, was das Herz begehrt.

Bei der chinesischen Küche gibt es oft keine Speisekarte, alles wird frisch im Wok zubereitet, nicht immer weiß man genau, was für Zutaten sich im Essen befinden, das Endresultat ist immer lecker. Chinesen essen im Restaurant meistens in Gruppen, dabei sitzen sie an großen, runden Tischen, die in der Mitte noch zusätzlich eine Drehscheibe haben. Es wird darauf geachtet, dass eine große Auswahl verschiedener Speisen auf dem Tisch steht, mindestens jedoch so viele, wie Personen am Tisch sitzen. Huhn, wenn möglich Ente, Schweinefleisch lieben Chinesen besonders und alles was aus dem Meer kommt, wird auf Platten oder in Schüsseln serviert, Reis wird in kleineren Schalen extra dazu gereicht. Alles wird mit Stäbchen oder einem Löffel gegessen, jeder nimmt sich eine kleine Portion aus den Schalen auf seinen eigenen Teller. Dann gibt es da noch die fantastischen Nonyagerichte, eine Mischung aus malaysischer und chinesischer Küche, die von den in Südostasien lebenden Chinesinnen entwickelt wurde. Die verschiedensten Teigtaschen, Teighütchen oder Teigrollen, auch als Frühlingsrollen bekannt, werden mit Gemüse, Hühnchen, Fleisch, oder Fischstücken gefüllt und in Öl ausgebacken. Als Fingerfood zu süßen, scharfen oder süß-sauren Dips schmecken sie hervorragend. Eine weitere Spezialität sind Dim Sum, kleine, gefüllte Teigbällchen, die in Dampf gegart oder gebraten werden. Jeder Gast sucht sich aus den vielen verschiedenen Dämpflingen seine Lieblingssorte heraus und bezahlt am Ende nur die übrig gebliebenen Bambuskörbchen. Der Höhepunkt der chinesischen Küche ist zweifellos die Peking Küche, sie entstand am Hofe des Kaisers, sie weist sowohl mongolische als auch muslimische Einschläge auf. Bei der Peking Ente steht nicht die Größe oder das Fleisch im Vordergrund, vielmehr wird darauf geachtet, wie sie gewürzt ist, wie knusprig braun die Haut gebacken ist und wie intensiv die darunterliegende Fettschicht ist. In einem tagelangen, komplizierten Verfahren wird der Ente langsam Flüssigkeit entzogen und vor dem Braten Luft unter die Haut geblasen. Bei den Chinesen sagt man, dass sie alle Tiere essen, die mit dem Rücken zum Himmel gewandt sind, trotzdem sollte man aus Prinzip einige Speisen meiden. Elke und ich würden nie eine Haifischflossensuppe probieren, auch nicht zum Spaß. Den Haien werden lebendig die Flossen abgehackt, der Rest wird zurück ins Meer geworfen, wo der Hai qualvoll verblutet oder von anderen Haien gefressen wird.

Gleich nebenan befindet sich das Indienviertel, auch Little India genannt, diese Ecke hat es Elke besonders angetan. Hier verbindet sich die nord- und südindische Küche, die seinesgleichen sucht und es zum absoluten Feinschmeckerparadies werden lässt. Nicht selten bieten die Restaurant bis zu 30, 40 unterschiedliche Curries an, von mega-scharf über würzig-mild bis zu süß-sauer. Dabei besteht jedes Curry aus mindestens 20 verschiedene Kräutern und Gewürzen, was es zum Hochgenuss werden lässt. Elke hatte damals schon behauptet, dass es hier die besten Curries der Welt gibt und sie ist heute immer noch davon überzeugt. Auf die Frage nach Rezepten bekommen wir immer nur kopfschüttelnd gesagt, das habe ich von meiner Familie überliefert bekommen und das gebe ich nur meiner Familie weiter. Traditionell werden Curries mit Gemüse zubereitet, es gibt sie aber auch mit Hühnchen, Lamm, Prawns, Krabben oder Fisch. Als Beilagen werden oft Fladenbrote wie Rotis oder Chapathis gereicht. In den richtig guten Restaurants bestellt man sich Nasi Kandar, ein Klebereis mit einer kleinen Gemüseauswahl, dazu die gewünschten Curries die auf einem Bananenblatt serviert werden, gegessen wird alles mit der rechten Hand, da die Linke als unrein gilt. Natürlich dürfen wir nicht die schmackhafte malaiische Küche vergessen, deren geschmackliche Grundlagen frische Gewürze bilden. Unter anderem werden marktfrische Chilis, Ingwer, Knoblauch, Frühlingszwiebeln, Limetten, Zitronengras, Koriander und Curryblätter angeboten. Das ganze kann wiederum mit einer kräftigen Shrimps-Paste, dem sauren Tamarinden-Saft, oder einer milden Kokosmilch kombiniert werden. Die meisten Malayen essen in den Restaurants mit einem Löffel in der rechten Hand und einer Gabel in der linken Hand. Mit der Gabel schiebt man lediglich die Speisen auf den Löffel, in ländlichen Regionen wird allerding nach traditioneller Sitte ohne Besteck und nur mit der rechten Hand gegessen. Die malaiischen Gerichte können sehr unterschiedlich sein wie zum Beispiel der Ikan Panggang, über Holzkohlenfeuer gegrillter Fisch mit Innereien. Karis sind Currys mit einer dicken scharfen Soße, die mit Kokosmilch zubereitet werden. Rendan ist eine Art Rindergulasch der in einer würzigen Soße gekocht wird und meistens sehr zäh ist. Sate gibt es in ganz Asien, und kann zu jederzeit gegessen werden. Fleischspieße vom Hühnchen, Rind, oder Schwein werden in Zucker und Gewürze eingelegt, danach auf dem Grill gebraten, dazu reicht man eine würzig bis scharfe Erdnusssoße. Rojak ist ein kalter Gemüsesalat, aus Ananas, Gurken und Sengkuang, einer braunen knolligen Wurzel. Das Ganze wird mit Chili, Shrimp-Paste, Tamarinde und Palmzucker angemacht, nicht jeder Magen hält diesen gärenden Salat aus.

Wenn man so über diese kulinarische Vielfalt nachdenkt, vermisst man eigentlich nur eins, den Wein. Wüssten die Asiaten wie gut die verschiedensten Weine aus der Pfalz, aus Deutschland oder aus einer anderen Weinregion dieser Welt dazu passen würden, hätten die Winzer keine Absatzprobleme mehr. Hier kämen nicht nur trockene Weiss- und Rotweine zur Geltung, sondern insbesondere unsere edelsüßen Weine, die in Verbindung mit den leckeren Curries zu einer einzigartigen Symbiose verschmelzen würden. Und was wäre eine Stadt ohne ihre Fast-Food Ketten, auch Western-Food genannt, den MacDonalds, den KFCs und den Pizza Huts, ohne die so viele Traveller nicht auskommen, für Elke und mich undenkbar. Nachdem wir den Traditional Food Trail mit seinen lokalen Spezialitäten unter die Lupe genommen haben, widmen wir uns dem kolonialen Viertel. Hier stehen sie noch, die herrschaftlichen Paläste der englischen Machthaber mit ihren protzigen Vorstadtvillen, die meisten von ihnen in reicher chinesischer Hand. In diesem Stadtteil gibt es wohl kaum ein Produkt oder Bedürfnis, dass es nicht unter einem schummrigen Ladentisch zu kaufen gibt. Wir besichtigen das hölzerne Fort Cornwallis, das mit seinen bestückten Kanonen immer noch gut erhalten ist. Im Sri Muniswaran-Tempel, einem kleinen hinduistischen Shiva-Schrein, bestaunen wir die verschiedensten Statuen und als Abschluss stehen wir vor der 1817 erbauten St.Georgs Church, die erste anglikanische Kirche Südostasiens. Penang hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich in die erste Liga Asiens geschoben und kann sich ohne weiteres mit Singapur, Kuala Lumpur und Bangkok vergleichen. Nur der fernöstliche Zauber, den wir woanders vermissen, ist hier noch erhalten geblieben. Umso mehr freut es uns, dass es seinen Charme als 'Perle des Orient' bewahrt hat.

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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