Tour 2014-2015
Tour 2009-2011
Weinschmitts
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Home
« Kulinarisches Myanmar » Intha "Die Menschen vom See"

Bagan - Architektonische Meisterleistungen

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

Heute steht unsere Weiterfahrt nach Bagan an. Natürlich hatte Elke wieder eine Busfahrt gebucht, nur dieses Mal tagsüber. Da ich mich seelisch und moralisch darauf einstellen möchte, bestelle ich schon um 6 Uhr am Morgen unser Frühstück. Um 7.30 Uhr ist es dann soweit, alles läuft nach Plan, im Bus sitzen fast nur Franzosen, ein paar Burmesen und Alec aus Deutschland, mit dem wir uns gleich gut verstehen. Es wundert mich, dass es dieses Mal keine schwarzen Tüten gibt, ich konnte ja nicht ahnen, dass die Straße vom Inle-See nach Bagan hervorragend ausgebaut ist.

Kurz vor Bagan stoppt der Bus an einem Wachhäuschen, eine Dame betritt den Bus und fordert alle Ausländer auf, 15 Dollar Eintritt für die Tempelanlagen von Bagan zu bezahlen. Da werden sogar die Franzosen leicht sauer, das ist ein endloses Abzocken hier. Auch die Unterkünfte sind nochmals teurer geworden, weshalb wir froh sind, eine günstige Bleibe bei einer burmesischen Familie zu bekommen, wir bekommen sogar Fahrräder für den nächsten Tag ausgeliehen. Elke ist total aufgeregt, sie hat den Fotoapparat mit den Ersatzbatterien dabei, das alles sieht nach einem neuen Rekordversuch aus.

Als die Sonne am Morgen ihre orangene Farbe verliert und die Umrisse der ersten Tempelanlagen sichtbar werden, stehen Elke und ich wie vor einer Fata Morgana. Sprachlos stehen wir vor 2230 Monumenten, die innerhalb von 250 Jahren errichtet wurden und auf 40 Quadratkilometer verteilt sind. So etwas Gewaltiges haben Elke und ich nur in Angkor Wat in Kambodia gesehen, als wir mit unseren Fahrrädern in 3 Tagen 120 Kilometer nur durch Tempelanlagen geradelt sind. Wir kommen an keinem Tempel vorbei, in den wir nicht unseren Fuß hineinsetzen, egal wie zerfallen oder baufällig er auch ist. Je weiter wir ins Zentrum radeln desto größer und imposanter werden diese architektonischen Meisterleistungen, die uns regelrecht verschlingen. Wie in einem Irrgarten verlieren wir jegliche Orientierung, wenn das so weitergeht, so meine Befürchtungen, müssen wir hier mindestens einen Monat bleiben, um alles zu sehen. Elke ist nicht mehr zu halten, wie wild fotografiert sie die Tempel und deren tausende von Buddhas, die darin wohnen. Wenn am Abend die letzten Sonnenstrahlen diese einmalige Kulturlandschaft in ein warmes Licht einhüllen und Elke und ich auf einer der höchsten Pagodas stehen und in die Ferne schweifen, dann könnte dieser Moment zur Ewigkeit werden.

Wir schaffen es gerade noch vor der Dunkelheit in die Altstadt Bagans, um hier in einem Restaurant eine Kleinigkeit zu essen. Während wir auf das Essen warten, zeigt mir Elke ihre heute gemachten Fotos. Der neue Bilderrekord von über 2000 Ablichtungen ist vollbracht. Natürlich muss ich die Bilder am Abend noch auf den Computer laden, damit Elke für Morgen wieder Platz für neue Fotos hat. In der Nacht mache ich fast kein Auge zu, zu sehr hat mich der heutige Tag mitgenommen. Meine Gedanken gehen zurück zu den Menschen, die diese gewaltigen Bauten errichtet haben. Viele Könige, die in den letzten Jahrhunderten immer größere Tempel bauen ließen, um ihre Stärke und Macht zu demonstrieren. Dazu hat man die armen Reisbauern samt Familie zur Zwangsarbeit verpflichtet, als Folge davon gab es eine große Hungersnot im Land, da niemand mehr den Reisanbau vorantrieb, und ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen dabei ihr Leben gelassen haben. Und das alles im Namen Buddhas, ob er das wohl so wollte? Aber ist es nicht auf der ganzen Welt so, dass man die Religionen missbraucht um gewaltige Bauten zu errichteten und sogar Kriege zu führen… In dem Moment höre ich eine Stimme, Schmitty aufwachen, es wird Zeit, wir müssen zu den Tempelanlagen. Vor mir steht Elke geschniegelt und gestriegelt mit der Kamera um den Hals, es nützt alles nichts, es geht in die zweite Runde.

Elke, die zu einem wahren Meister in Sachen Tempel mutiert, erzählt mir den ganzen Tag über, welche Tempel oder Stupas in welcher Zeitphase errichtet wurden. Die Bauten mit den niedrig gehaltenen Haupträumen und den flach ansteigenden Dachkonstruktionen wurden in der frühen Phase, auch genannt Mon-Phase, errichtet. Durch die kleinen Fenster dringt nur wenig Licht ins Innere, dafür ist es angenehm kühl. Ab dem 12 Jh. wurden deutlich größere Stockwerke mit großen Fenstern und Türen erbaut, um mehr Licht ins Innere zu lassen. Ab dem 13 Jh. verändern sich die Bauten, es gibt teilweise drei Stockwerke, die auch von außen begehbar sind. Elke erklärt mir,dass es hier 911 Tempel, 524 Stupas, 415 Klosteranlagen und 31 Gebäude wie Schreine, Bibliotheken und Ordinationshallen gibt, der Rest sind zusammen gefallene Steinhaufen. Das hier die Anlagen immer noch so gut erhalten sind, ist eigentlich dem trockenen Klima zu verdanken, die Niederschlagsmenge beträgt nicht einmal 1.000mm im Jahr. Deshalb sieht es hier auch aus wie in der Savanne, mit der entsprechenden Flora und Fauna. Überall sehen wir hauptsächlich Akazien, Niem und Tamarindenbäume, sowie Euphorbien und die Palmyrapalmen. Es gibt viele seltene Vogelarten, wie die Burmesische Buschlerche und den Weißkehldrossling und natürlich viele Schlangenarten, die sich gerne in den dunklen Ecken der Tempel herum treiben. Mich wundert es, dass wir bis jetzt noch keine Schlange gesehen haben, da Elke Schlangen anzieht wie manchen Frauen Moskitos.

Es gibt Tempelanlagen, da ist regelrecht die Hölle los, besonders bei denen, die eine gute Zufahrt haben. Meistens sind drum herum Verkaufsbasare aufgebaut, um den vielen Touristen, die mit Bussen hierher gekarrt werden, ihren Ramsch zu verkaufen, Für diejenigen, die zu faul sind mit einem Fahrrad diese Kulturlandschaft zu erkunden, hat eine chinesische Firma sich etwas Besonderes einfallen lassen. Sie vermietet für viel Geld Elektrofahrräder, auch E-Bikes genannt, die ich ja auch von Deutschland her kenne, doch solche hatte wir zuvor noch nie gesehen. Es sind Tandemräder, bei denen der Vordermann steuert und die zweite Person etwas tiefer auf dem Rücksitz sitzt. Das Ganze wird mit einem Elektromotor betrieben, der angeblich bis zu 50 Kilometer Reichweite hat, was aber nicht stimmen kann, weil jeder Zweite sein Vehikel zurück schiebt. Das verrückte bei der Sache ist, dass man mit einem hochmodernen Elektrofahrrad durch Jahrhunderte alte Tempel fährt, wo jeder zweite Burmese noch mit seinem Ochsenkarren sein Reisfeld bearbeitet.

Am Abend sind Elke die Strapazen des heutigen Tages deutlich anzusehen und auch ich bin fix und alle. Umso mehr freuen wir uns, Alec wiederzusehen, mit dem wir einen schönen, spaßigen Abend bei einem frisch gezapften Bier verbringen. Elke verspricht mir, nur noch einen Tag für die Tempelanlagen, dann habe ich genug gesehen. OK, sage ich, versprochen. Also wieder auf die Fahrräder und wieder durch den unglaublichen Tempelirrgarten, bei brütender Hitze. Am Nachmittag kommt plötzlich eine Radfahrerin auf uns zu mit voll bepackten Radtaschen. Wo kommst du denn her, frage ich sie? von Erfurt sagt Sofie. Was, von Erfurt, wie lange hast du denn bis hierher gebraucht? 1 Jahr sagt Sofie, die meine totale Überraschung genießt. Mir wird es warm ums Herz und am liebsten hätte ich jetzt unsere Fahrräder bei mir. Auf einmal schaut mich Elke an und sagt, Schmitty, ich glaube, es reicht, wir haben hier in Bagan genug Kultur erlebt.

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

« Kulinarisches Myanmar » Intha "Die Menschen vom See"