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Burmas Küche mit Frankfurter Akzent

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen …

In Bago angekommen werden wir gleich von einem netten Burmesen abgeschleppt. Er verspricht uns das Blaue vom Himmel, gutes Hotel mit Frühstück. Es muss sauber und bezahlbar sein, sage ich zu ihm. Als ich im Zimmer stehe, kann ich es nicht glauben, genauso versifft, wie das Garden Hotel in Yangon. Nur hat das Zimmer einen Gefängnis ähnlichen Charakter und die herausgerissenen Stromleitungen in der Dusche führen bei einer falschen Bewegung garantiert zum sofortigen Tod.

Mein Begleiter sieht mein leicht verzerrtes Gesicht und geht von 30 Dollar auf 15 Dollar herunter. Nein, mein Freund, das wird nichts mit uns, denn das kann ich meiner Elke unmöglich zumuten. Wir suchen weiter und stehen auch schon kurze Zeit später vor dem Hotel San Francisco, ein Name, der gar nicht hierher passt. Zwei nette Damen kommen lachend auf uns zu und zeigen uns sogleich das erste Zimmer, direkt an der belebten, 4-spurigen Hauptstraße. Gibt es auch ein Zimmer, das etwas ruhiger ist. Na klar, sagt die Dame und zeigt uns ein Zimmer nach hinten zum Hof gelegen mit einem kleinen Balkon. Wenn ihr die Air Condition nicht braucht, gebe ich euch das Zimmer für 20 Dollar mit Frühstück, na das ist ein Wort, wir nehmen an.

So nebenbei frage ich Elke, was machen wir hier eigentlich? Bago war früher einmal für kurze Zeit die Hauptstadt, in seiner Blüte ein großes Handelszentrum, hier gibt es mindesten 20-30 Pagodas und Tempelanlagen, sagt Elke lachend. Und die wollen wir uns sicherlich alle ansehen, hab ich recht. Elke nickt und grinst. Da es mit dem Fahrrad viel zu schnell und natürlich viel zu bequem wäre, laufen wir, wir haben ja Zeit. Unsere Damen vom Hotel haben uns eine tolle Zeichnung aller kostenpflichtigen Pagodas gemacht und uns aufgemalt, wie wir die Ticketschalter umgehen können. Jede Pagoda hat 3-4 Eingänge, aber nur der Haupteingang für die Touristen ist überwacht und kostet Geld. Immerhin schaffen wir heute fast zehn Tempelanlagen, die mich stark beeindrucken. Vor allem der Mya Tharlyaung (Liegender Buddha ), der erst 2006 fertiggestellt wurde, stellt mit seinen 90m Länge und 21m Höhe ein gewaltiges Monument dar.

Im Restaurant 199, das eigentlich auch nicht hierher passt, lassen wir uns beim Flussufer nieder. Der Chef persönlich kommt mit einer Speisekarte in der Hand auf uns zu und spricht uns direkt auf Deutsch an. Moment mal, sage ich zu Elke, den Akzent kenne ich doch, das ist doch Hessisch. Da muss sogar Myo lachen, ja sagt er, ich habe über 15 Jahre in Frankfurt gelebt und in den verschiedensten Restaurants und Hotels gearbeitet. Ich schüttle den Kopf, ein Burmese der hessisches Platt spricht, trinkst du auch Appelwoi frag ich ihn, nein, sagt er und verzieht das Gesicht, den bekomme ich bis heute nicht runter. Elke fragt ihn: “Wie bist du denn nach Deutschland gekommen?” Mein Onkel lebt in Deutschland, der war der Meinung, dass einer von unserer Familie etwas Vernünftiges lernen sollte und da hat man mich auserwählt. Ich habe meinen Schulabschluss in Frankfurt gemacht, danach habe ich in den Restaurants und Hotels gearbeitet, meistens in der Küche. Ich habe viele Stunden, Tag und Nacht gearbeitet, die Bezahlung war schlecht und geschlafen habe ich in einer Besenkammer. Das Geld, das ich verdiente, habe ich nach Hause zu meiner Familie geschickt, das bisschen, was mir blieb reichte nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Aber ich war gerne in Deutschland, ich habe viel gelernt, wie Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit und es hat viel Spaß gemacht. Vor drei Jahren habe ich hier mein Restaurant eröffnet, es läuft ganz gut, ich selbst habe aber auch nicht mehr Geld wie in Deutschland. Meine ganze Familie muss ich mit ernähren, meine Eltern, meinen Bruder, der Alkoholiker ist, und nichts arbeitet, meine Schwester und ihren Sohn und drei andere Geschwister. Ich selbst habe kein Geld zum Heiraten, aber wenn ich so weiter mache, reicht es vielleicht in fünf Jahren, sagt Myo lachend. Ich lasse Euch etwas Gutes zu Essen machen, ich habe einen guten Küchenchef, aber als erstes bekommt ihr ein frisch gezapftes Bier.

Kurz darauf serviert man uns einen Meeralgensalat mit grünen Papayas, Chilis, Karottenstreifen, grüne Stangenbohnen und gerösteten Erdnüssen. Als zweites bekommen wir gebratenes Hackfleisch mit Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Chili und Orkas, alles sehr pikant, aber nicht zu scharf. Nach diesem guten Essen habe ich den Wunsch, den Küchenchef und seine Küche kennen zu lernen, was Myo im ersten Moment gar nicht gefällt. Als ich die Küche sehe, weiss ich auch warum, die müsste auf jeden Fall einmal runderneuert werden. Die Abzugshaube wird nur noch durch das viele Fett an der Wand gehalten und die Gashähne sind alle samt undicht, sodass bei jeder Zündung eine Stichflamme aus dem Hahn heraus kommt. Für mich immer noch unglaublich, wie man aus so einer kleinen und beengten Küche doch noch ein gutes Essen heraus bringt. Der Küchenchef ist sichtlich Happy, dass ein Gast zu ihm in die Küche kommt und so verspreche ich ihm, morgen kommen wir wieder, lass dir was Gutes einfallen.

Als ich wach werde, fällt mir ein, dass wir doch Frühstück in unserem Hotel haben, aber wo? Weit und breit kein extra Raum zu sehen und es riecht auch nicht nach Kaffee oder Tee. Wir müssen fünf Häuser weiter zu Verwandten, die haben ein Café, dort könnt ihr Frühstücken, so die Tochter des Hauses. Das Café ist gut besucht und hat ein ganz besonderes Flair. Es erinnert mich mit seinem elektrischen Schaltkasten über der Theke, der auf dem Putz liegt, den alten schwarz-weiss Bildern und den hohen Wänden an die damalige Kolonialzeit. Es gibt zwei laufende Fernseher, einen links und einen rechts vom Gastraum, im rechten läuft in schwarz-weiss Alfred Hitchcock und links in Farbe John Wayne und wir sitzen mittendrin. Ich hatte mich schon auf Spiegeleier gefreut, aber die gibt es hier anscheinend nicht. Stattdessen kommt ein Teller mit gefüllten Samosas mit Kichererbsen, in Teigtaschen gebackene Hühnchen Brust und Dumplins gefüllt mit scharfen Linsen und Koriander. Dazu bekommen wir einen türkischen Mocca mit reichlich Kaffeesatz serviert. Die Konzentration in diesem Café ist nicht gerade einfach, zum einen hält mich Hitchcock's 'Die Vögel' in seinem Bann, zum anderen ist die Schießerei mit John Wayne und den Indianern aber auch nicht schlecht und dann soll man sich auch noch auf sein Frühstück konzentrieren.

In den Ecken sitzen alte gegerbte Burmesen, mit dicken Zigarren im Mund. Ihre Rauchfahnen und der herbe Duft ziehen um unser Frühstück herum. Ich weiß nicht genau, wo ich mich in diesem Moment befinde, in Marokko in einem alten Suck, in Indien bei den Maharadschas, oder bei Fidel Castro in Havanna. Eins ist klar, sage ich zu Elke, wenn wir hier wohnen würden, wäre das meine Stammkneipe.

Die zweite Runde unserer Tempeltour steht an, wieder zu Fuß nur dieses Mal in die andere Richtung. Wir laufen durch viele zerfallene Tempelanlagen, durch restaurierte Pagodas, durch neue Anlagen, die gerade fertiggestellt wurden und welche die gerade gebaut werden. Natürlich mit noch größeren Buddhas, noch größeren Hallen und noch mehr Gold. Ich kann das alles nicht so richtig verstehen, die Menschen hier leben an der Armutsgrenze, haben fast nichts zu beissen und dann dieser Prunk. Sicherlich mache ich mir wieder mal zu viele Gedanken, Louis, sage ich zu mir, auch wenn du es wieder mal nicht verstehst, akzeptiere es einfach.

Nachdem wir nicht alle, aber fast alle Tempel gesehen haben, machen wir uns in unserem Hotel ein bisschen frisch für den Abend. Ich sitze an der Rezeption und plaudere ein bisschen mit der Chefin des Hotels. Wir sind gerade in einem lustigen Gespräch, als ein junges Paar herein kommt. Sie eine bildhübsche Burmesin, schätzungsweise 17-18 Jahre alt, er ein drahtiger schlanker gutaussehender Junge im gleichen Alter, beide äußerst schüchtern. Sie steht da wie angewurzelt, mit dem Blick nach unten gerichtet. Er schiebt ohne ein Wort der Chefin 10.000 Kyat über die Theke und anschließend zwei Pässe. Dafür bekommen sie im Gegenzug zwei Handtücher mit Seife. Ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren und ohne ein Blickkontakt, verlassen sie die Rezeption in ein ihnen wohlbekanntes Zimmer.

Die Chefin hat meine Beobachtungen bemerkt und fängt an zu grinsen und es dauert auch noch eine Weile, bis sie mit der Sache herausrückt. Naja, sagt sie, wo sollen sie denn auch hin, zu mir kommen Junge wie Alte, die Zuhause keine freie Minute haben. Auch ich musste jetzt grinsen und sage, dass ist nicht nur in Myanmar so, das ist doch überall auf der Welt das Gleiche, worauf wir beide lauthals lachen müssen.

Als uns Myo sieht, hält er schon ein Bier in der Hand, er freut sich, dass wir ihn wieder beehren. Elke und ich haben Hunger, wir sind gespannt, was uns der Küchenchef heute Abend serviert. Freudestrahlend kommt er persönlich aus der Küche und serviert uns einen interessanten und lecker schmeckenden Tea-Leafsalat, dessen Zubereitung er uns erklärt. Zuerst werden Teeblätter in Wasser und Essig eingelegt, dazu kommen Streifen von Karotten und Weißkraut, Knoblauch und Zwiebeln, im Mörser zerkleinerte getrocknete Shrimps, Tomatenstückchen und eine kleine Chilischote, je nach Schärfe, dazu. Das Ganze mit Pfeffer, Salz und Zitronensaft abmischen, auf dem Teller servieren und als Top, eine Röstmischung bestehend aus verschiedenen Nüssen, Knoblauch, gelben Linsen und Bohnen drüber streuen. Dazu fehlt nur noch ein Auxerrois von Priska und Robert Schneider vom Weingut Rössler-Schneider in St Martin, dann wäre das Essen perfekt. Der zweite Gang kommt mir sehr gelegen, gekochtes Ziegenfleisch in einer kräftigen Zwiebel-Knoblauchsoße und dazu herrlichen Duftreis. Da fehlt eigentlich nur der kräftige St. Laurent von Hartmut Bender, Weingut Kronenberg aus Kallstadt, darf man träumen. Wir verabschieden uns von Myo, seiner Familie und seiner Küchenmannschaft, bedanken uns für die hervorragende Bewirtung und wünschen ihm, dass er alles erreicht, was er sich vorgenommen hat.

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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