Tour 2014-2015
Tour 2009-2011
Weinschmitts
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Home

<<< Zum Frühstück einen Viertausender Bei den Nomaden >>>

Dem Himmel so nah

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Am Morgen des neunten Juni werde ich um 5 Uhr von den singenden Mönchen hoch oben in der Gompa aus dem Tiefschlaf gesungen. Ich schaue aus dem Fenster, alles ist noch grau in grau, die zart grünen Blätter der Pappeln wiegen sich leise im Wind, alles sieht nach einem perfekten Tag aus.
Mit unserem kleinen Tauchsieder koche ich heißes Wasser, um Elke mit einem duftenden Kaffee zu wecken. Danach wird es höchste Zeit, auf unsere Räder zu steigen. Schnell werden noch die Packs mit etwas Proviant, genügend Wasser, warmen Klamotten und den Schlafsäcken an mein Fahrrad gehängt. Wir wollen in das Nubra Tal, das umgeben ist von 5000-6000 Meter hohen Bergen. Um dort hin zu kommen, müssen wir über den höchsten befahrenen Pass der Erde, den Khardung La, in 5602 m Höhe radeln, eine Herausforderung der extremen und besonderen Art. Der Khardung La ist nur für zirka 3-4 Monate im Jahr geöffnet und seit einer Woche ist er befahrbar. Elke und ich haben uns über den Zustand der Strecke und die Wetterverhältnisse genauestens erkundigt, doch die Angaben reichen von katastrophal bis kein Problem. Das Wetter ist von Schlucht zu Schlucht so unterschiedlich, dass es blitzschnell von Sonnenschein zu Eisregen und Schneestürmen wechseln kann. Eine Woche lang haben wir uns hier in Leh auf einer Höhe von 3600 Metern einigermaßen akklimatisiert. Jetzt hält uns nichts mehr. Gemeinsam sind wir mental sehr stark und die letzten 3000 Kilometer haben unsere Muskeln anschwellen lassen. Mit Bernd haben wir gemeinsam 1995 in Bolivien auf dem Chakaltaya einen Höhenrekord erradelt: immerhin haben wir es mit dem Fahrrad auf 5300 Meter geschafft, nun ist es an der Zeit, diesen Rekord zu brechen. Auf knapp 38 Kilometer müssen wir eine Höhe von über 2000 Metern überwinden, was eigentlich eine lösbare Aufgabe ist.

Aus Leh heraus geht es gleich mit einem knackigen Stich 4 Kilometer zur Hauptstraße. Elke radelt sehr kraftvoll voraus und ich habe alle Mühe, an ihr dran zu bleiben. Nach 5 Kilometern erreichen wir den ersten Militärposten, der unsere Genehmigung für das Nubra Tal kontrollieren soll. Er hat es sich in der Morgensonne bequem gemacht und schlummert friedlich vor sich hin. Da wir ihn nicht wecken wollten, radeln wir einfach an ihm vorbei. Noch fahren wir in einem saftig grünen Tal, die blühenden wilden Rosen schimmern weiss und rosa in der Sonne. Hoch über mir in den Bergen erkenne ich die Serpentinen. Die blitzenden Autos und LKWs wirken wie Matchboxspielzeuge. Je höher wir kommen desto größer werden meine Atembeschwerden. Ständig habe ich das Gefühl, nicht genügend Luft in die Lungen zu bekommen. Meine Kraft schwindet von Minute zu Minute, die dicken Oberschenkel scheinen aus ausgeleiertem Gummi zu sein. Ich versuche mich mental auf der Höhe zu halten, indem ich mir immer wieder sage: ‚Du schaffst es, ja - halte durch’. Längst sind meine geschwollenen Lippen aufgeplatzt und jeder Schluck Wasser brennt auf den wunden Lippen. Meine Klamotten sind klatschnass geschwitzt und vom Nacken her verspüre ich leichte Kopfschmerzen, die von einer Sekunde zur anderen heftiger werden. Elke fährt weiterhin ohne Anzeichen von Ermüdung voraus, ständig wartet sie auf mich und fragt mich nach meinem Befinden. Ich versuche sie zu täuschen und sage ihr, dass alles in Ordnung ist, was sie mir natürlich nicht abnimmt. Nach 25 Kilometern ist es dann soweit, ich komme nicht mehr aufs Fahrrad, ich bin saft- und kraftlos, mein Herz rast, mein Kopf droht zu zerplatzen und mental bin ich total am Boden. Noch einmal schaue ich hoch zum Pass der in etwa 1000 Metern über mir in einer schneebedeckten Senke liegt. Mir wird klar, dass ich mich überschätzt habe. Alles in mir bricht zusammen, ich hocke da wie ein Häufchen Elend, mir wird schwarz vor Augen, ich fühle eine unendliche Leere, ich will nur noch eins: schlafen, einfach nur noch schlafen. Eine zeitlang sitzen Elke und ich nebeneinander ohne ein Wort zu wechseln. Sie fragt mich auch nicht mehr, wie es mir geht, mein Zustand ist einfach zu erbärmlich. Ich weiß nicht, wie lange wir so nebeneinander sitzen, als ich ein Geräusch wahrnehme. Elke ist ohne Worte aufgestanden, hat sich ihr Fahrrad geschnappt und fährt einfach los. Aus und vorbei, sie fährt zurück, sicherlich ist sie von mir bitter enttäuscht.

Als ich die Augen öffne und die Abfahrt nach unten schaue, kann ich Elke nirgends finden. Ich schaue nach oben und sehe Elke mit meinem beladenen Fahrrad in die nächste Serpentine einbiegen. Um Himmels Willen, schießt es mir durch den Kopf, sie kann doch nicht einfach alleine ohne mich diesen gewaltigen Berg hoch fahren. In mir geht alles drunter und drüber, durch tiefes Ein- und Ausatmen versuche ich, mich in den Griff zu bekommen und es dauert einige Minuten, bis ich kapiere, dass ich hier mutterseelenallein herum sitze. Elke schraubt sich unterdessen über mir die Serpentinen unaufhörlich nach oben. Ich weiß nicht genau, was in den letzten Minuten mit mir passiert ist, als ich wie in Trance aufstehe und auf Elkes Rad steige. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen, mit gleichmäßigem Atem bekomme ich einen guten Rhythmus auf das Rad. Ich bin wie ausgewechselt, meine Beine geben vollen Druck auf die Pedale und mental bin ich auf einmal wieder voll bei der Sache. Ich verfolge Elke Kurve um Kurve und frage mich, wo nimmt diese Frau nur all diese Kraft her. Nach 6-7 Kilometern habe ich Elke endlich eingeholt. Sie ist völlig ausgepumpt und als sie mich sieht, fängt sie an zu grinsen. Nachdem sie sich wieder ein bisschen erholt hat, sagt sie: ‚Wird auch Zeit, dass du kommst, dachte schon, ich müsste alleine den Berg hoch fahren’.

Ein kurzer Blick genügt, ohne Worte nehme ich mein Fahrrad mit all den Packs und übernehme wieder die Führung. Wir sind jetzt ungefähr auf 5300 Metern, so hoch wie damals in Bolivien. Nur noch 4 Kilometer bis zum Pass, es zieht sich wie Kaugummi, links und rechts der Straße liegt nun Schnee, wir radeln von einem Wasserloch ins andere und schieben unsere Räder durch knöcheltiefen Schlamm. Um uns herum ragen die Gipfel der schneebedeckten Eisriesen in den Himmel, die meisten von ihnen liegen unter uns. Die Sicht ist gigantisch, keine einzige Wolke ist am Himmel zu sehen, wir können bis ins Tal nach Leh schauen. Keine 500 Meter schaffen wir, ohne eine kleine Pause einzulegen, es gibt einfach zu wenig Sauerstoff in dieser Höhe. Nur noch einen Kilometer, da überholt uns ein Pickup mit johlenden jungen Leuten und hinten drauf Fahrrädern für die Abfahrt. Mit letzter Kraft stoße ich einen lauten Schrei aus. Nein, Nein das gibt’s doch nicht, ich kann es einfach nicht verstehen. Als sie uns nach kurzer Zeit entgegen kommen, würdige ich Sie keines Blickes. Der Älteste, wir schätzen ihn auf über 60 Jahre, bleibt vor uns stehen, er faltet die Hände und verneigt sich vor uns, danach fährt er wortlos weiter.

Über eine Stunde brauchen wir für die letzten 4 Kilometer, jetzt sind es nur noch 300 Meter, wir können es gar nicht glauben. Noch vor zwei Stunden war ich demoralisiert, völlig am Ende meiner Kräfte und jetzt stehe ich auf dem höchst befahrbaren Pass der Erde. Diese Leistung habe ich Elke zu verdanken, sie war im richtigen Moment stark. Elke fährt voraus, sie will Bilder machen, wenn ich auf dem Pass ankomme. Als ich um die letzte Kurve biege, kommt mir eisige Luft entgegen und von weitem erkenne ich ein großes gelbes Schild auf dem 18380 Feet steht. Von überall her kommen Leute auf uns zu gelaufen, um uns zu beglückwünschen. Die hier stationierten Soldaten freuen sich ebenfalls, als sie uns mit den Fahrrädern sehen. Ein Offizier erzählt uns, dass wir die ersten Radfahrer wären, die in diesem Jahr über den Khardung-La fahren. Wir sind so ausgepumpt und fertig, dass wir uns über diesen tollen Erfolg gar nicht freuen können. Für die 38 Kilometer lange Auffahrt haben wir nur 4,47 Stunden reine Fahrtzeit gebraucht. Zum Regenerieren und mit den Pausen brauchten wir fast die gleiche Zeit, so dass wir jetzt seit fast 9 Stunden unterwegs sind. Elke und ich schauen zur anderen Seite ins Nubra Tal, wo dicke Schneewolken hängen. Also keine Zeit verlieren, schnell ein paar Bilder machen bevor wir uns auf die lange Schotterpiste zum nächsten Kontrollpunkt und Militärlager nach Nordpol begeben.

Dort müssen wir uns als Ausländer melden und eine Kopie unserer Reisegenehmigung aushändigen. Die ersten 6 Kilometer radeln wir durch hohe Eiskanäle, die bis zu 5 Meter hoch sind, eine gefährliche und rutschige Angelegenheit. In diesem Streckenabschnitt gibt es sehr steil abfallende Hänge und ich bewundere meinen eigenen Mut, da ich seit einigen Jahren nicht mehr schwindelfrei bin. Die ersten 25 Kilometer sind kein Spaß, die vielen Schlaglöcher zwingen uns immer wieder, vom Rad zu steigen. Es ist schon spät, die Sonne ist längst hinter den Bergen verschwunden, eisige Kälte kriecht in unsere Klamotten und in die Handschuhe, was das Bremsen zur Qual macht. Im ersten Bergdorf Khardung, hier wohnen überwiegend freundliche Yak-Hirten, schlürfen wir unsere köstliche Maggie Suppe, die uns von innen heraus aufheizt. Da es kein Gästehaus gibt, schlafen wir in der Notunterkunft: ein Raum mit zwei Betten, kein Strom, keine Toiletten und kein Wasser zum Waschen. Es ist uns alles egal, als wir tot müde in unsere warmen Schlafsäcke steigen und in Sekunden den Schlaf der Gerechten schlafen.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus, es ist zwar saukalt, doch hinter den Bergen blinzelt die wärmende Sonne. Die 60 Kilometer Abfahrt über Diskit nach Hunder sind Balsam für die Seele und unsere Muskeln. Diskit erstreckt sich über die Auen am Südufer des Shyok und ist die wichtigste Stadt im Nubra Tal. Vorbei an weiß getünchten Bauernhäusern erkennen wir hoch über uns die Diskit-Gompa eingebettet in ein riesiges Felsmassiv. Die letzten 7 Kilometer nach Hunder fahren wir an welligen Sanddünen vorbei und das in 3200 Meter Höhe. Elke erkennt die ersten Kamele, ein Überbleibsel aus den großen Tagen der Seidenstraße. Diese zweihöckrigen Kamele werden als Lasttiere aber hauptsächlich als Touristenattraktion für gute Rupies verwendet. Am Abend treffen wir Sam, Evan , China und Trudy in unserem Gästehaus. Irgendwie laufen wir uns immer wieder über den Weg, ein Grund, ausgiebig zu feiern. Schnell wird eine Party organisiert. Sam besorgt Hühnchen, Gemüse und Salat, Evan ist für den Alkohol verantwortlich und ich darf in der Küche unseres Gästehauses ein Menü zaubern. Eine lange Nacht steht uns bevor und am nächsten Morgen sind wir uns alle einig, dass von den vier Flaschen Rum eine zuviel war.

Beim Frühstück kommt dann die Schreckensmeldung: der Khardung La Pass ist zugeschneit, das Militär plant eine Schließung, das würde für uns bedeuten, hier eingeschlossen für unbestimmte Zeit zu sein. Jetzt muss schnell gehandelt werden. Wir organisieren einen Allradjeep, auf dem wir unsere Packs, sowie die Fahrräder verstauen. Mit von der Partie sind zwei Schweizer Girls, Eva und Daniela. Um 11 Uhr stehen wir mit unserem Fahrer und weiteren 50 LKWs, Bussen und Motorrädern am Checkpoint Nordpol, in der Hoffnung, über den Pass zu kommen. Da die gesamte Straße einspurig ist, müssen wir warten bis alle Fahrzeuge den Checkpoint von oben passiert haben. China und Trudy kommen auf mich zu und erzählen mir, dass sie im Hinterrad einen Platten haben. Da wir keine Zeit haben, mache ich mich mit einem flinken Inder, der sich offensichtlich mit Motorrädern auskennt, ans Werk. Als alter gelernter Automechaniker macht es mir wieder einmal so richtig Spaß, die Finger dreckig zu machen. Es ist ein Wunder, dass wir mit dem bisschen Werkzeug das Hinterrad reparieren können. Die Nachricht, dass wir in Kürze losfahren können, macht alle nervös. Mit laufenden Motoren warten wir auf den Startschuss. Jeder will ganz vorne mit dabei sein, denn wenn nur einer in der Kette stehen bleibt, müssen alle hinteren warten, egal wie lange die Reparatur dauert. Um 2,30 Uhr geht’s los, die Schlange windet sich langsam auf den Gipfel zu und es kommt wie es kommen musste. In 5000 Metern hängen wir in einer steilen gefährlichen Kurve fest und das alles nur, weil einer mit seinen abgefahrenen Reifen versucht, über den Pass zu kommen.

Nach über drei Stunden stehen wir zum zweiten mal auf dem höchsten Pass der Erde und erst jetzt verspüren wir ein ungeahntes Glücksgefühl. Elke und ich schauen uns an, unsere Gedanken sind die gleichen, diese Abfahrt lassen wir uns von Niemandem nehmen. Die Räder werden vom Jeep herunter gehoben, schnell noch die Packs gut befestigen, bevor sich Eva und Daniela verabschieden, also bis dann in Leh. Hand in Hand stehen wir jetzt alleine auf dem Gipfel, schauen noch einmal auf das überwältigende Panorama, das Herz springt uns fast aus dem Hals. Eins wissen wir ganz genau, so nah kommen wir dem Himmel nicht mehr. Elke fährt vor mir die Serpentinen hinunter, ich bitte sie, sei vorsichtig. Nachdem ich Elke nicht mehr erkennen kann, stürze auch ich mich in die steile Abfahrt. Bei jeder Kurve erinnere ich mich, wie wir uns hier herauf quälten, wie elend ich mich fühlte. Ich werde immer schneller und nach kurzer Zeit überhole ich Elke, die mir irgend etwas zuruft, was ich aber nicht mehr verstehen kann. Ich fahre wie in Trance, meine Geschmacksnerven verspüren einen leicht metallischen Knoblauchgeschmack. Adrenalin, Marihuana vielleicht auch Heroin, ich fahre wie im Rausch, um mich herum vermischen sich die Farben, wie bei einer Fahrt im Kettenkarussel. Ich schreie vor lauter Freude aus vollem Hals, ich muss aufpassen, dass ich nicht die Kontrolle über mich verliere. Nach eineinhalb Stunden ist der Rausch vorbei, ich halte an einem Aussichtpunkt an und warte auf Elke. Noch einmal schauen wir nach oben, unsere Gedanken sind am Gipfel, dort wo wir dem Himmel so nah waren.

Nur gemeinsam haben wir diesen gewaltigen Berg bezwungen ...

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

<<< Zum Frühstück einen Viertausender Bei den Nomaden >>>