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Zum Frühstück einen Viertausender

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Mit brechend vollen Packs starten wir zu unserer ersten kleinen Expedition in den Himalaya. 435 Kilometer von Srinagar Kaschmir über drei Pässe von 3500-4300m Höhe nach Leh Ladakh. Die Informationen über diese Strecke sind sehr dürftig. Niemand kann hier in den Bergen das Wetter vorhersagen, deshalb sind wir auf alles vorbereitet.
Hinzu kommt die starke Militärpräsenz. Leider liegt die von uns ausgewählte Route an der ‚Line of Control’, einer Straße, die oft unter Beschuss stand. Nach all unseren Informationen besteht derzeit keine große Gefahr. Die Lage hat sich stabilisiert und so radeln wir mit gemischten Gefühlen auf unser erstes Ziel Sonamarg zu. Unsere Ausrüstung und unsere Räder sind aller erste Sahne. Wir haben Essen für mindestens eine Woche und eine Flasche Rum für kalte Nächte dabei, so dass wir vollkommen autark sind. Der Tag beginnt bilderbuchmäßig. Bei strahlend blauem Himmel radeln wir die ersten 15 Kilometer am Dalsee entlang. Es ist nicht zu kalt und nicht zu warm, die ersten Fischer sitzen in ihren kleinen Holzbooten und versuchen beim Angeln ihr Glück. In einem weiten, bewaldeten Tal schlängelt sich die Straße sachte nach oben, wir haben noch keinen Gegenwind, so dass wir gut voran kommen. Am Nachmittag ziehen graue Wolken auf, die sich zu einem tobenden Gewitter aufbäumen und die Planung von 5 Stunden für die Hochfahrt zunichte machen. Mehr schiebend als auf dem Rad sitzend bewältigen wir mit letzter Kraft die letzten 7 Kilometer in 2,5 Stunden. Klatschnass und frierend vor Kälte bekommen wir in den staatlich und gut geführten J&K Tourist Huts eine Unterkunft mit brühend heißem Wasser zum Duschen.

In der Nacht regnet und stürmt es und oben auf dem 3529m Hohen Zoji-La Pass schneit es kräftig. Unsere geplante Hochfahrt am nächsten Morgen ist einfach unmöglich. Elke und ich machen eine Spazierfahrt zu dem 4 Kilometer entfernten, angeblich spektakulären Thajiwas-Gletscher. Hier erleben wir das gleiche Schauspiel wie in Gulmarg. Tausende von Indern lassen sich auf dem Rücken von abgemagerten Ponys zum Gletscher tragen um danach Schlitten zu fahren oder sich nur auf Skiern mit einem Schneehasen fotografieren zu lassen. Für uns wieder einmal eine Situation, die wir nicht verstehen können. Unsere Chancen, mit dem Fahrrad über den Zoji-La Pass zu kommen, schwinden von Minute zu Minute. Die einspurig befahrbare Straße, die gerade mal breit genug für ein Fahrzeug ist, wurde in eine tausend Meter hohe Wand hinein gefräst. Die eine Straßenseite, die gefährlich nahe am Abgrund entlang geht, ist keinen Meter gesichert. Hinzu kommt das abtauende Schmelzwasser, das ganze Straßenteile abrutschen lässt oder Straßenabschnitte in einen reißenden Fluss verwandelt - also nichts für schwache Nerven. Die Wetterverhältnisse sehen nicht gerade rosig aus, deshalb beschließen wir, mit dem Bus bis zum Pass zu fahren. Wir sind heil froh für jeden Meter, den wir diese gefährliche und schwindelerregende Straße hoch fahren. Auf dem Pass sieht es leider auch nicht besser aus: reißende Flüsse, 10 m hohe Eiskanäle, mit Wasser gefüllte Schlaglöcher und abgerutschte Geröllfelder machen dem Busfahrer die Fahrt zur Hölle. Für die 58 Kilometer bis nach Drass brauchen wir knapp 6 Stunden. Gerne hätte uns der Busfahrer bis nach Kargil mitgenommen, doch wir beschließen ab hier, weiter mit den Rädern zu fahren. Auch hier kommen wir in einem der J&K Tourist Huts unter mit dem Vorteil, dass hier ein super Küchenchef für unser leibliches Wohl sorgt. Er überredet uns, sein selbst gemachtes Ziegenmasala mit Reis zu probieren und ich muss anerkennend gestehen: das Beste und Zärteste, was wir bisher gegessen haben. Drass ist angeblich nach dem sibirischen Oimjakon der kälteste bewohnte Ort der Welt. Für uns war es bis jetzt die kälteste Nacht.

Wir radeln weiter in die 56 Kilometer entfernte Stadt Kargil, das Tor zu den buddhistischen Städten Zanskar und Ladakh. Die Landschaft sieht hier oben ab 3000m ziemlich öde aus, alles wirkt so unheimlich. Vielleicht auch durch die Stille, kein Vogelgesang nur ab und zu das Rauschen eines Gebirgsbaches. Kargil ist das Verwaltungzentrum von Ladakh und überwiegend muslimisch, wo hingegen der Rest von Ladakh buddhistisch ist, was unweigerlich zu größeren Spannungen führt. Während des indisch-pakistanischen Krieges tobte 1999 hier eine mächtige Schlacht. Davon zeugen viele Erinnerungstafeln von Gefallenen. Bevor wir unseren nächsten Pass, den Namika-La (3760m), in Angriff nehmen, radeln wir in das kleine Dörfchen Mulbekh. Die Welt hat sich auf einmal verändert. Überall am Straßenrand stehen nun riesige Gebetsmühlen. Auch die Menschen hier sind anders. Man begrüßt sich mit ‚Juleh’, was ‚Guten Tag’, ‚Bitte’ und ‚Danke’ bedeutet. Seit Kargil können wir die berühmten und stimmungsvollen buddhistischen Klöster, auch Gompas genannt, bewundern, die in die höchsten und bizarrsten Felsformationen hinein gebaut wurden. Die buddhistische Mythologie ist unglaublich kompliziert. Man kann sich stundenlang in einer Gompa aufhalten und versteht doch nur einen Bruchteil dessen, was eigentlich vorgeht.

Vorbei an verstaubten Teehäusern und der winzigen Chamba-Gompa radeln wir hinauf zum Namika-La, von wo aus wir eine tolle Aussicht genießen. Die Abfahrt wäre sicherlich auch zu genießen, wenn der Straßenzustand etwas besser wäre. So müssen wir auf sandige Kurven und tiefe Löcher achten. In einer Rechtskurve passiert es dann: bei Elkes Rad springt das rechte Vorderradpack aus der Halterung. Elke bleibt nicht stehen, da sie dachte, den Pack könne sie während der Fahrt mit dem Fuß einhängen. Bei dem Versuch den Pack anzuheben, rutscht Elke mit dem rechten Fuß ab und gerät bei voller Fahrt mit dem Fuß in die Speichen. Sofort geht sie zu Boden, schreiend und fluchend schleppt sie sich zum Straßenrand. Bis ich dazu komme, haben Straßenarbeiter das Fahrrad von der Straße gezogen. Die ganze Sache sieht nicht gerade gut aus: drei Speichen sind aus dem Vorderrad heraus gebrochen und andere total verbogen. Während Elke ihren geschwollenen Fuß in einem Bach kühlt, nehme ich das Vorderrad auseinander, um es neu einzuspeichen. Mit dem, was ich von den beiden Radspezialisten Willi und Gerrith gelernt habe, bekomme ich das Rad wieder einigermaßen hin, so dass wir nach anderthalb Stunden weiter radeln können. Am Abend sieht der Fuß von Elke gar nicht gut aus. Er hat alle nur erdenklichen Farben angenommen, der dicke Zeh sieht aus als sei er gebrochen. Nachdem die Schwellung zurück gegangen ist, stelle ich fest, dass es Gott sei Dank wieder einmal nur eine starke Prellung ist. Elke hatte zwei Tage zuvor noch Radsandalen an, nicht auszudenken was da passiert wäre. Ich schlage Elke vor, Morgen nicht über den 4300m hohen Fotu-La zu fahren, was Elke erst richtig wütend macht, da sie sich den ganzen Tag schon über ihr eigenes Missgeschick ärgerte. Vor lauter Zorn sagt sie zu mir: ‚Morgen fahren wir den Fotu-La noch vor dem Frühstück’. Wie hält das diese Frau nur aus, denke ich bei mir ... ? Elke beißt die Zähne zusammen und fährt mit mir die steilen Serpentinen nach oben und nach dreieinhalb Stunden stehen wir tatsächlich auf dem Gipfel. Ich schaue Elke an und sage: ‚Du hast dein Versprechen gehalten, aber jetzt wird es Zeit fürs Frühstück’.

Nachdem wir uns mit heißem Kaffee, Hönig und Nutellabrot gestärkt haben, rauschen wir die steile Abfahrt nach Lamayuru hinunter. Aus der Einöde wird plötzliche eine grüne Oase und von weitem erkennen wir die älteste Gompa von Ladakh, die hoch über dem kleinen Dorf Lamayuru thront. In Sachen Gästehaus finden wir ein tolles Zimmer mit großen Fenstern und Blick auf die grandiose Bergwelt. Zudem hat unsere Unterkunft ein Garten-Restaurant. Hier wollen wir für ein paar Tage bleiben, um Elkes Fuß auszukurieren. Als erstes fallen mir die alten Ladakhies mit ihren Gebetsmühlen ins Auge, die sie ständig in Drehbewegung halten, egal ob sie Rauchen, oder einen Tee trinken. Die Oma unseres Gästehauses ist für mich eine echte Sensation. Sie ist klein und faltig, ihr Alter nur sehr schwer einzuschätzen. Ihre schwarzgrauen Haare, die sie zu zwei Zöpfen zusammen geflochten und schätzungsweise die letzten zwanzig Jahre nicht mehr gewaschen hat, reichen ihr bis zu den Kniegelenken. Ihre dunkle und etwas verstaubte Kleidung besteht überwiegend aus verschiedenen Über- und Unterröcken, die sie Tag und Nacht trägt. Auf dem Rücken trägt sie ein schwarzes-weißes Jakfell, das durch zwei Lederriemen am Kragen befestigt ist. Jeden Morgen geht sie mit einem Spaten, ihrer Gebetsmühle und ein paar vertrockneten Fladenbroten aufs Feld zur Arbeit und wenn sie zurück kommt, drangsaliert sie die Gäste.

Wir sind gerade mit dem Abendessen fertig, als zwei kahl geschorene Jungs auf ihren schweren indischen Bullet- Motorrädern auf uns zukommen. Der Kräftigere steigt ab und schreit ins Gartenrestaurant mehrfach den Namen Schmitty, ist hier irgend jemand der Schmitt heißt? Ich denke, das gibt’s doch nicht, woher um alles in der Welt kennt der meinen Namen. Ich schaue zu Elke, die mit dem Kopf schüttelt, was soviel bedeutet wie: ‚Die Typen habe ich noch nie gesehen’. Ich stehe auf und sage zu ihm: ‚Ich heiße Schmitt’, worauf er lachend sagt, endlich haben wir euch gefunden. Wir haben in Srinagar nach euch im gleichen Hotel bei Rouf gewohnt und der hat uns von den zwei verrückten Radfahrern erzählt. Seit dem halten wir Ausschau nach euch. Ich bin Sam und mein Kumpel heißt Evan, wir kommen beide aus Australien und reisen mit unseren Motorrädern um die Welt. Naja, sage ich, das ist auf jeden Fall ein Grund, Einen zusammen zu trinken, wobei es bei dem Einen nicht geblieben ist. Die zwei Jungs, die am Anfang wie zwei hart gesottene Easy-Rider aussahen, sind in Wirklichkeit richtig nett und da wir in die gleiche Richtung reisen, werden wir uns sicherlich noch einmal über den Weg laufen.

Zwei Kilometer nach Lamayuro durchradeln wir das Moon-Valley, das direkt zu einer tiefen schwindelerregenden Schlucht führt. Bis nach Khalsi radeln wir auf einer fürchterlich schlechten Straße, die durch eine zerklüftete Landschaft mit graubraunen Wüstenfarben führt. Von hier aus wird das Tal breiter und die Straße, die ab hier den Indus entlang führt, ist wieder asphaltiert. Über Alchi, Basgo und Nimmu sind es nur noch 100 Kilometer bis nach Leh, die wir eigentlich locker hinter uns bringen könnten. Doch der ständig drehende Wind und die noch zu fahrenden 2100 Höhenmeter machen es uns nicht gerade leicht. Zudem folgt eine militärische Kaserne der anderen, wir haben das Gefühl Ladakh, befindet sich im Kriegzustand. Nach sieben Tagen erreichen wir Leh und die ersten, die uns über den Weg laufen sind Sam und Evan. Nach australischer Manier gibt es erst einmal Bier bis zum Abwinken. Im Gästehaus Ifram, das einen schönen Innenhof hat, finden wir eine ordentliche und ruhige Unterkunft mit Familienanschluss. In den nächsten Tagen wollen wir uns erst einmal ausruhen, um wieder Kräfte zu sammeln, außerdem müssen wir uns in dieser Höhe akklimatisieren. Es ist kaum zu Glauben dass eine so weit abgelegene Kleinstadt eine so gute Infrastruktur hat. Hier gibt es Pizzerien, Discotheken, Reiseveranstalter, Cafes und Souvenirshops, all das, was man von einer Backpackerhochburg erwartet. Bergsteiger, Trecker und Wildwasserfreaks aus der ganzen Welt treffen sich an diesem entlegenen Punkt des Himalaya, wo der Himmel in dieser Höhe atemberaubend blau ist ...

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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