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Keine Angst vor'm Zahnarzt

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Aus dem Tagebuch von Elke ...
Jodhpur, 23 April 2009

05:12 Uhr raus aus den Federn, Louis trägt alle Packs runter zur Straße und hängt sie an die Räder, kurze Verabschiedung von Radsch.

06:02 Radeln aus der Stadt,

06:17 Werden von einem Rudel Hunde verfolgt

06:45 Trinken an einem schmuddeligen Teestand unseren ersten Chai 19,3 C 9km

07:01 Der 2. Chai ist fällig, dazu 100g Kekse 25 C 20km

08:45 1L Wasser, 0,5 L Pepsi 32 C 31km, trostlose Gegend, leichter Gegenwind

09:47 1L Wasser, 0,5 L Lemka, 2 Bananen 36 C 45km , sehen unsere ersten Pfauen und 5 wilde Kamele

10:30 2L Wasser, 0,5 L Pepsi, 50g Kekse 41 C 53km, kommen gut voran, die Hitze flimmert über der Straße

11:30 1L Wasser, 0,5 L Lemka 45 C 65km, endlich ein schattiger Platz, leider total zugeschissen

12:15 1L Wasser, 0,5 L Lemka 49 C 74km, nervende Inder, keine Sekunde allein

13:10 2L Wasser, 2 Bananen 52 C 87km, die Hitze wird unerträglich, Louis hat Probleme mit der Hitze

14:00 3L Wasser, Lunch, fried Dal , 4 Chiapati , 50g Kekse 54 C 94km

Mittagspause Essen scharfe Linsensuppe mit Fladenbrot

15:30 1L Wasser, 0,5L Pepsi 55,7 C 116km Trinkwasser ist kochend heiß, schmeckt nach verbranntem Plastik

16:45 2L Wasser, 2x700ml eiskaltes Bier, 49 C 129km, endlich finden eine gute Unterkunft, eine kalte Dusche, super

Gesamt 6.37 Std. 129km 209 Höhe 19,5 Schnitt 14 L. Wasser

Solche Aufzeichnungen führt Elke nicht immer, aber dieses Mal wollte sie es genau wissen. Nach dem Abendessen und einem kurzen Spaziergang über den Markt gehts auch schon todmüde ins Bett.

Am nächsten Tag schaffen wir die 98 Kilometer über Ajmer nach Pushkar in 7.5 Stunden. Die unheimliche Hitze und diese vertrocknete Steinwüste zermürben uns regelrecht. Wir finden ein bisschen außerhalb des Zentrums ein kleines, familiäres Gästehaus, das tatsächlich zu meiner großen Überraschung, einen kleinen Swimmingpool hat. Noch mehr freute ich mich über den niedrigen Preis, den der Chef uns macht. Am nächsten Morgen bekommen wir dann auch knallhart eine Breitseite zu spüren. Direkt hinter dem Gästehaus wurde eine neue Moschee gebaut und die wurde jetzt eine Woche lang, von morgens bis abends, mit Gesängen und Gebeten eingeweiht, natürlich durch ohrenbetäubende Lautsprecher. Das imposante an Pushkar ist der heilige See, der umrahmt ist von unzähligen Tempelanlagen, wovon alleine 52 Treppen, auch Ghats genannt, zum heiligen Wasser führen, zu denen die Hindu-Pilger kommen, um in den Heiligen Wassern ihre Sünden wegzuwaschen. Als religiöser Höhepunkt werden frische Blumen mit einer brennenden Kerze als Opferschale auf dem See schwimmen lassen. Besonders toll ist die Atmosphäre am Abend, wenn man bei Sonnenuntergang auf einer der zahlreichen Dachterrassen sitzt und einfach nur die Stimmung in sich aufnimmt. Rund um den See ist auf jeden Fall darauf zu achten, dass die Schuhe ausgezogen werden, das Rauchen und das Fotografieren von badenden Hindus ist strengstens Verboten. Das größte Fest in Puskhar ist der Kamelmarkt, der im achten Mond-Monat des Hindu-Kalenders stattfindet, dann rüsten die Thar- Kameltreiber ihre Wüstenschiffe und machen sich auf den langen Weg hierher. Dann verwandelt sich dieser Ort mit über 200 000 Menschen und 50 000 Kamelen in einen außergewöhnlichen Wirbel aus bunten Farben, Geräuschen, Gerüchen und Bewegungen, alles ist überschwemmt von Musikern, Mystikern, Händlern, Heiligen und Touristen. Dem Umstand, dass in ganz Pushkar kein Fleisch und noch nicht einmal Eier gegessen werden dürfen und einem Muselmanen, der mich in den Wahnsinn versucht zu singen, haben wir es zu verdanken, dass wir aus diesem spirituellen Ort, schon nach drei Tagen abreisen.

Die Fahrt nach Jaipur wird für uns eine echte Herausforderung, nicht nur für unseren Körper, sondern auch für unseren Geist. Die ersten 50 Kilometer verlaufen noch sehr gut, doch danach klettert die Temperatur schon am Vormittag auf über 50 C, die Hitze macht uns fertig. Hinzu kommt die eintönige Landschaft, soweit das Auge reicht: Kein Baum, noch nicht einmal ein grüner Strauch ist zu sehen, nur Steine und nichts als ausgedörrte Erde. An jeder nur erdenklichen Verkaufsstelle halten wir an, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Irgendwann am Mittag ruft Elke mir zu: „Neuer Hitzerekord“. Wir notieren 57,8 C. In dieser Hitze Fahrrad zu fahren, ist äußerst bedenklich, um nicht zu sagen gefährlich. Plötzlich kommt Rückenwind auf, der uns ein bisschen über unser mentales Tief hilft. Der Wind wird stärker und unser Tacho steigt über die 25 Kilometer-Marke, ich habe das Gefühl, dass irgendwo auf dieser Welt jemand an uns denkt und uns nach Jaipur schiebt. Es fängt an zu dämmern, als wir die Lichter dieser Drei-Millionen-Großstadt sehen. Wir müssen uns beeilen, wenn wir vor der Dunkelheit noch eine Unterkunft finden wollen, glücklicherweise hilft uns ein Motorradfahrer, der uns direkt in ein nettes Gästehaus lotst. Nachdem wir uns kalt abgeduscht und unsere verbrannten Arme und Gesichter eingecremt haben, sagt Elke, mit 156 Kilometer und 57,8 C war das bis jetzt unser heißester Ritt. Am nächsten Tag schauen wir uns diese katastrophale Stadt einmal näher an, alles geht drunter und drüber und der krank machende Lärm ist fast nicht auszuhalten. Der unglaublich stinkende Dreck und die darin lebende Menschen, die diesen Müll mehrfach nach Essbarem umkrempeln, sind eine echte Herausforderung. Hinzu kommen zerlumpte und total verwahrloste Kinderhorden, die ständig am Betteln sind. Wir werden auf Schritt und Tritt von Bettlern, nervenden Straßenverkäufern, Taxifahrern und Stadtführern verfolgt.

Nachdem wir den ersten Schock überwunden und verdaut haben, durchstreifen wir die Basare der Pink City. Maharadscha Ram Singh ließ die gesamte Stadt 1876 in Rosa streichen, was die Farbe der Gastlichkeit symbolisiert, wovon leider fast nichts mehr zu spüren ist. Bei unserem Streifzug kommen wir bei einem Zahnarzt ( Klempner ) vorbei, der seine Praxis an einer Straßenecke aufgebaut hat. Die Praxis besteht aus einer 2x2 Meter großen blauen Plastikplane, auf der fein säuberlich verschiedene Zangen neben einander aufgereiht sind. Neben den etwas verrosteten Spitz-, Flach- und Beißzangenn, liegen zirka 20 verschiedene gebrauchte obere und untere Gebisshälften. Darunter steht eine zwei Liter große Desinfektionsflasche mit einem grauen abgenutzten Lumpen, davor ein Hammer und ein kleiner Meißel. Nebenan sitzt ein Guru-ähnlicher Typ, barfuß und mit einem schmuddeligen weisen Sari, der auf Kundschaft wartet. Als er mich sieh,t will er sofort nachschauen, ob meine Zähne in Ordnung sind. Durch ein kurzes Lächeln mache ich ihm klar, dass es hier nichts zu reparieren gibt. Kurze Zeit später probiert ein zahnloser älterer Herr die verschiedensten Gebisse aus. Jedesmal, wenn er sie einigermaßen im Mund untergebracht hat, zeigte er sie mir zu Begutachtung. Da alle Zähne unterschiedliche Farben von fast weiß, über ocker, nikotingelb, dunkelbraun bis hin zu schwarz haben, sieht sein Lachen verheerend aus. Elke findet es so abstoßend, dass ihr schlecht wird und wir umgehend die Klinik verlassen. Alle Achtung, sage ich zu Elke, für diejenigen, die ihre Angst überwinden und den Mut aufbringen, zu solch einem Zahnarzt zu gehen.

Am Abend sind wir bei Chikku eingeladen, Gerrith hatte unser Hinterrad vor fast 5 Wochen hierher zu dieser Adresse geschickt. Schon am Eingang werden wir herzlich begrüßt und beim ersten Aperitif, Coca Cola mit Rum, dazu einen Kardamom-Mint- Dip, Chips und Salzstangen, waren wir uns schon sehr sympatisch. Wir erzählen sehr viel über unsere erlebte Reise und diskutierten über die Kultur der Inder und ich muss gestehen, dass ich seitdem eine andere Sichtweise und besseren Einblick bekommen habe. Zwar verstehe ich viele Dinge immer noch nicht, aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird es aber ein bisschen verständlicher. Nach einem guten Abendessen, bestehend aus einem gemischten Gemüsecurry, Kartoffeln mit frischem Koriander, frischem Joghurt und lecker gebratenem Hühnchen, halte ich überglücklich mein neues Hinterrad in den Händen. Jetzt, sage ich zu Elke, kann uns so schnell nichts mehr passieren. Chikku besteht darauf das wir die 2 Kilometer zu unserem Gästehaus, mit einem Fahrrad-Tricycle zurück fahren, es wäre einfach zu gefährlich in der Nacht. Der schmächtige junge Inder, der dieses Fahrrad in Bewegung bringt, hat all seine Muskeln zu aktivierten. Nach einem Kilometer ist er völlig am Ende und wir steigen vorzeitig aus, weil wir diese Schinderei nicht mehr mit ansehen können. Elke und ich wollen bei dieser mörderischen Hitze nicht mehr mit den Rädern weiterfahren, deshalb beschließen wir, in den Norden nach Amritsar mit dem Nachtzug zu fahren.

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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