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Post vom Maharadscha

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Von Needbusch aus radeln wir die 118 Kilometer nach Udaipur in einem Tag. Dabei fahren wir zum ersten mal auf dem Express- Highway, auf dem wir den Seitenstreifen ganz für uns alleine haben. Ein Express- Highway ist mit der Deutschen Autobahn zu vergleichen, nur dass hier auch Esel, Ochsenkarren, sogar Kamele, Fußgänger und Radfahrer zugelassen sind. Seit 60 Kilometern radeln wir im Bundesland Rajasthan und ich habe schlagartig das Gefühl, das es hier viel sauberer ist als in Madhya Pradesh, was ich allerdings nach weiteren 40 Kilometern wiederrufe.
Udaipur ist die erste Stadt, wo ich sagen würde, so habe ich mir eine indische Stadt vorgestellt. Vielleicht ist auch deswegen der James-Bond-Film "Octopussy" hier gedreht worden. Diese Stadt ist voller Fürstlichkeit und Leidenschaft mit ihren vielen Palästen und Tempeln, die man hier an jeder Ecke findet. Man nennt Udaipur auch das Venedig des Ostens mit seinem herrlichem See Pichola und dem Seepalast, der das Herzstück der Stadt bildet. Seit der Maharadscha Udai Singh der Zweite die Stadt Udaipur im Jahre 1559 gründete, wird die Stadt bis heute von Maharadschas regiert. Gerne hätte ich mit diesem Weißhaarigen und Vollbärtigen alten Herrn mal persönlich gesprochen, doch leider hatte er keine Zeit für mich.

Direkt unterhalb des Palastes finden wir im Ray Palace ein fürstliches Zimmer. Mit seinen verschnörkelnden Fensterbögen, die mit bunten Scheiben verglast sind, und den großzügig ausgestatten Räumen mit vielen seidenen Kissen fühlt man sich schon ein bisschen wie ein kleiner Maharadscha. Hinzu kommen die zwei Gärten, der eine als Luxusrestaurant für die oberen Zehntausend eingerichtet, der andere für Gäste wie Elke und meine Wenigkeit, also für Frühstück und Abendessen der normalen Kategorie. Den Sonnenuntergang auf der Terrasse mit Blick auf den Palast zu genießen ist ein erhabenes Gefühl. Schon in der zweiten Nacht fängt Elke fürchterlich an zu husten und am nächsten Morgen hat sie keine Stimme mehr. Ich kenne Elke gut und weiß, dass der geringste Zug ihr auf die Bronchien schlägt. Wahrscheinlich war es der Ventilator. Normalerweise dauert das ganze bei Elke so zwei bis drei Tage, doch diesmal ist es hartnäckiger und ich mache mir so langsam Sorgen, ob sie sich nicht eine Lungenentzündung eingefangen hat. Jeden Morgen wenn die Sonne durch unsere bunten Scheiben blinzelt, hole ich unsere zwei Tassen hervor, ziehe mir schnell eine Hose über und laufe Barfuß über die Straße zu dem Chaiverkäufer an der Ecke. Er freut sich immer, wenn er mich sieht. Zuerst wird ein bisschen über Gott und die Welt palavert und anschließend macht er für Elke einen extra starken Chai mit viel Ingwer, Kardamon und Masala.

Wieder einmal ziehe ich morgens alleine los, um die Altstadt mit ihren zahlreichen Basaren zu erkunden. Dabei fallen mir die vielen schweren und bunten Turbane sowie die flatternden scharlachroten, sonnenblumengelben und safranfarbenen Saris der hübschen Inderinnen auf. Dies alles ist nicht nur Mode oder Trend sondern es spricht eine eigene Sprache der rajasthanischen Gesellschaft, die sich darin wiederspiegelt. Die Farben der Turbane zeigen die Zugehörigkeit zu einer Kaste, Religion oder einem Berufsstand. So tragen zum Beispiel die Raiputen traditionell Safran, die Farbe der Ritterlichkeit, die Brahmanen tragen Pink, Daliten Braun und Nomaden Schwarz. Bei Festen werden in der Regel fröhliche vielfarbene Turbane getragen, dagegen tragen die Hindus weiße, graue, schwarze oder blaue Turbane als Zeichen der Trauer. Dies sind zugleich aber auch die Farben der Muslime . Wie der Turban gebunden ist zeigt den sozialen Stand und die Herkunft des Trägers. Blau, Grün und Weiße Schattierungen werden vor allem von den Witwen getragen. Verheiratete und ledige Frauen tragen Farben wie Rosa, Rot oder Gelb, worin sich aber eine gewisse Symbolik verbirgt. Eine Mischung aus Rot und Gelb darf nur von Frauen getragen werden, die einen Erstgeborenen Sohn zur Welt gebracht haben. Alle Frauen, die verheiratet sind, werden mit Armreifen und Ringen an den Zehen gekennzeichnet, damit sie keine Dummheiten machen. Bei uns zu Hause hat man früher immer gesagt: "Kleider machen Leute" oder "Zeig mir, was für Schuhe du trägst, und ich sage dir, was du machst und wer du bist".

Elke geht es nach einer Woche wieder besser. Die Medikamente und die vielen verschiedenen Chais zeigen so langsam Wirkung. Ich habe in der Zwischenzeit die halbe Altstadt kennen gelernt, man grüßt mich als wohnte ich hier schon seit Jahren. Besonders gut kennt man mich im Kaffee Edelweiß. Die leckeren Zimtrollen, die Schokoladenkugeln in Kokosflocken gewälzt und nicht zu vergessen die Mousseschokolatorte haben es mir besonders angetan. Die Fahrradläden, bei denen ich immer vorbei schaue, ob sie vielleicht doch einen brauchbaren Reifen für uns haben. Der Wasserverkäufer, der sich riesig freut, weil ich immer bei ihm das Mineralwasser kaufe. Der Chaiverkäufer, der jeden Morgen schon auf mich wartet und der Alte von nebenan, der mich immer zu einem Chai einlädt, obwohl ich noch nie etwas bei ihm gekauft habe. Und da ist noch der Fruchtsaftladen, der mir einen Mangosaft macht, dass der Löffel drin stecken bleibt. Ja, ich muß schon sagen, ich fühle mich hier sauwohl.

Besonders freut es mich, dass ich jetzt endlich wieder mit Elke auf Entdeckungsreise gehen kann. Wir besuchen den herrschaftlichen Palast des Maharadschas, der es wirklich in sich hat, besichtigen die Hindutempel, wo Elke ihren ersten Guru kennen lernt. Wir schlendern über die schillerndsten und buntesten Märkte. Abends sitzen wir auf den verschiedensten Dachterrassen der Hotels, genießen die herrliche Aussicht und den Sonnenuntergang bei einem eisgekühlten Bier. Am nächsten Tag lernen wir ein britisches Radlerpärchen, Brian und Diana, kennen, die von Indien aus den Versuchen starten, über Pakistan, den Iran und die Türkei zurück nach Great Britain zu reisen - eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. Ich erzähle Brian und Diana von meiner geflickten Hinterradspeiche und dass ich leider keinen Abzieher für meine Kassette dabei habe. Da greift Brian in seine Packtasche und holt den passenden Abzieher heraus. Zusammen haben wir mein Hinterradproblem in einer Stunde gelöst. Jetzt habe ich zwar immer noch einen starken Höhenschlag, aber damit kann ich bis Jaipur, wo mein neues Hinterrad auf mich wartet, leben.

Elke fühlt sich wieder fit, so dass wir in Kürze unsere Reise fortsetzen können, doch zuvor lasse ich noch eine DVD mit all unseren Bildern brennen, um sie nach Hause zu schicken - gut verpackt in einer Zigarrilloblechdose. Ich radle durch die halbe Stadt zum Postamt. Nachdem ich den richtigen Schalter für die Auslandspakete gefunden habe, bedient mich ein freundlicher älterer Herr. Er nimmt meine Blechdose in Empfang und schaut sie sich erst einmal von allen Seiten kritisch an. Anscheinend traut er dieser Blechdose nicht. Deshalb holt er einen gewellten starken Karton hervor, um damit meine Blechdose erneut zu verpacken. Er biegt den viel zu großen Karton um meine Blechdose und schneidet mit einer riesigen Schere alles was übersteht ab, wodurch natürlich wieder neue Löcher entstehen. Die wiederum versucht er mit den abgeschnittenen Schnipseln zu stopfen. Nun versucht er das Ganze mit breitem Klebeband zu umwickeln, was ihm aber nicht so recht gelingen will. Deshalb komme ich ihm zu Hilfe, indem ich durch das Gitter greife, um meine verpackte Blechdose zusammen zu halten. Nach einer knappen Stunde ist die DVD und die Blechdose um das doppelte gewachsen. Endlich haben wir es geschafft, so denke ich. Lächelnd zieht er erneut ein Schublade auf und holt ein großes weißes Leinentuch hervor. Hinter mir hat sich bereits eine Schlange von mindestens zehn wartenden Leuten gebildet, was den netten Herrn überhaupt nicht belastetet. Nun wird es erst richtig spannend: mit einer großen gebogenen Nähnadel fängt er an, aus dem Leinentuch einen kleinen Sack zu nähen. Dabei fädelt er für jede Seite einen neuen Faden ein, um einen sauberen Kreuzstich zu nähen. Nachdem er drei Seiten vernäht hat steckt er meine verpackte Blechdose hinein und näht in aller Seelenruhe den Rest zu. Hinter mir hat sich die wartende Schlange mittlerweile verdreifacht und mir rinnt das Wasser so langsam den Buckel hinunter. Richtige Schweißausbrüche bekomme ich, als der nette Herr erneut die Schublade öffnet und eine Kerze hervor holt. Da er kein Feuerzeug und keine Streichhölzer hat, bittet er einen hinter mir stehenden um Feuer. Er steckt vor mir die Kerze an und hält darüber solange einen Siegellack bis dieser wachsweich wird. Danach lässt er dicke Tropfen auf seinen vernähten Kreuzstich tropfen, um alles mit einem eisernen Stempel zu versiegeln. Wie angewurzelt stehe ich da und schaue dieser Zeremonie gespannt zu. Nachdem er den letzten Stempel in den Siegellack gedrückt hat, schiebt er mir das Päckchen unter dem Gitter hindurch mit den Worten: "Das ist Post vom Maharadscha", wobei er lauthals lacht. Ich schreibe meine Adresse und den Absender mit einem schwarzen Filzstift auf das Leinentuch, danach wird mein dreimal so schweres Päckchen gewogen und nachdem ich meine dreimal so teure DVD bezahlt habe, fahre ich nach geschlagenen zwei Stunden zurück zu Elke. Als ich Elke von dem ungewöhnlichen Postereignis erzähle und ich mich ärgere, dass ich den dreifachen Preis bezahlen musste, fängt Elke so laut an zu lachen, dass sie einen Hustenanfall bekam. Das Einzige, was sie noch heraus bekommt: "Das ist eben die Post vom Maharadscha".

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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