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Elke's spektakulärer Abgang

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Eigentlich wollte ich an der Küste entlang radeln, doch Elke überredet mich, ins Landesinnere auf die Berge zu nach Nahsik zu radeln. Wir haben Glück: der Wind schiebt uns in nord-östliche Richtung. Nach 102 Kilometern finden wir direkt am Highway ein günstiges Motel mit einem guten vegetarischen Restaurant. Da wir die Fahrräder nicht mit auf's Zimmer nehmen dürfen, wird extra der hauseigene Wachmann mit der großen Aufgabe, die Fahrräder zu bewachen, bedacht, was er sichtlich als seine Herausforderung annimmt.
Er holt eine Plastikplane und packt damit unsere Räder ein. Danach werden sie mit dicken Seilen verschnürt, so als wollte er sie mit der Post verschicken. Nachdem er sich einen alten verfilzten Sessel geholt hat, stellt er ihn vor unsere Räder, setzt sich hinein und meint lachend: 'Nun ist alles sicher.' Am nächsten Morgen stehen wir um 6 Uhr vor unserem tief schlafenden Wachmann. Nachdem wir ihn mit aller Mühe geweckt haben, packt er in aller Ruhe unsere Räder aus. Mit Schrecken sehen wir ein riesiges Loch im linken Vorderrad-Pack - Elke hatte versehentlich darin ein vertrocknetes Brötchen vergessen und darüber freuten sich natürlich die Ratten. Na ja, denke ich, ein bisschen Schwund ist immer. Mit meiner schlechtesten Unterhose, Elke meint, du hast sowieso zu viele dabei, wird das Loch gestopft und wir fahren gutgelaunt der Sonne entgegen.

Zwei Stunden später passiert es dann:
Wir radeln über eine kleine Bergkuppe und bekommen auf der lang gezogenen Abfahrt schätzungsweise 25 bis 30 Stundenkilometer auf die Räder. Von weitem erkenne ich einen Anhalter, der auf ein Motorrad steigt. Zwischen ihm und Elke befindet sich noch ein Radfahrer, der gemütlich auf das Motorrad zu fährt. Da Elke und ich mit relativ hoher Geschwindigkeit auf die beiden zu kommen und eigentlich genügend Platz ist, schert Elke vor mir zum Überholen aus. Die gleiche Idee hat der voraus fahrende Radfahrer auch. Elke versucht in letzter Sekunde zwar noch, an ihm vorbei zu kommen, bleibt jedoch mit dem Hinterrad-Pack an seinem Schutzblech hängen. Nun geht alles blitzschnell: sie reißt den Lenker zur Fahrbahnmitte und knallt mit voller Wucht zur rechten Seite ungebremst auf den Straßenbelag. Dabei öffnet sich die Lenkertasche und verteilt den gesamten Inhalt auf beide Spuren. Mein erster Blick geht in den Rückspiegel, von wo aus ich zwei nebeneinander heran fahrende LKWs auf uns zu kommen sehe. Sofort reiße auch ich mein Fahrrad herum und lege es direkt auf die Mitte beider Fahrbahnen, springe ab und laufe mit erhobenen Armen den LKWs entgegen, die sofort die Situation erkannt haben. Sie verlangsamen ihre Geschwindigkeit und bringen den gesamten Highway-Verkehr zum erliegen. Als ich mich herumdrehe, sehe ich Elke schon wieder auf den Beinen. Mit aller Kraft versucht sie, das Fahrrad auf den Seitenstreifen zu ziehen. Sie ist sichtlich nervös und läuft kopflos durch die Gegend. Ich rede auf sie ein, um sie zu beruhigen. In kürzester Zeit haben sich einige Leute um uns herum gestellt, darunter auch ein Arzt, der sofort seine Hilfe anbietet. Elke beteuert ihm, dass alles o.k. sei, worauf sich die Versammlung auflöst und die LKWs die Fahrbahnen wieder frei geben. Nun sitzen wir beide auf dem Seitenstreifen und schauen uns verdutzt an. Elke sagt: 'Das war knapp, das ist gerade noch mal gut gegangen.' Worauf ich schmunzeln muss und sage: 'Hat aber gut ausgesehen. Du hast einen richtig guten, spektakulären Abgang gemacht, so wie in einem guten Action-Film, besser hätte es ein Stuntman auch nicht machen können.' Da kann auch Elke wieder lachen.

Nachdem ich die Räder kurz durchgecheckt und Elke's Außenspiegel wieder gerade gebogen habe, geht es weiter in Richtung Nashik. Wir radeln durch ein Zwiebelanbaugebiet, in dem 30 Kilometer lang anscheinend nichts als rote Zwiebeln angebaut werden. Anfangs sehen wir hier und da einmal einen Traktor oder einen LKW voll beladen mit Zwiebeln, doch nach kurzer Zeit versammeln sich Hunderte von total überladenen Fahrzeugen, die tonnenweise ihre Fracht an speziellen Annahmestellen abliefern. Wir nähern uns Nashik und ich halte ständig Ausschau nach Weinreben. Hier soll es ein kleines Weinanbaugebiet geben, was ich mir bei dieser Hitze kaum vorstellen kann.Ich hatte von einem Weingut Namens Sula Vineyards, was sich auch Little Italy nennt, gehört, doch leider haben wir es nie gefunden. Nach 107 Kilometern sind wir endlich in Nashik angekommen. Elke hat starke Schmerzen in der Hüfte. Beim Duschen sehe ich die Bescherung: ihr Oberschenkel nimmt eine bedrohliche Verfärbung an und das Handgelenk sowie die Schulter sind auch stark in Mitleidenschaft gezogen. Auf der Hinfahrt zu unserer Unterkunft hatte ich nicht weit von hier einen Bottlestore gesehen, also mache ich mich auf, um für Elke ein kühlendes Bier zu besorgen. Ich finde nicht nur ein kühlendes Bier, sondern auch noch zwei Halbe-Liter-Flaschen Wein aus dem Weingut Sula. Freudestrahlend kehre ich zu Elke zurück. Nach 44 Tagen Weinabstinenz öffne ich voller Ehrfurcht den Chenin Blanc, der in der Nase sehr verhalten ist. Der erste Schluck ist so enttäuschend, dass ich an mir selbst zweifle. Habe ich vielleicht meinen Weingeschmack verloren? Hat mir der viele Chai die Geschmacksnerven verklebt? Ich öffne den Sauvignon Blanc in der Hoffnung, dass alles besser wird. Doch auch hier erfahre ich eine bittere und herbe Enttäuschung. In der 'Weinwelt' hatte ich einen Bericht über Weingüter in Indien gelesen und die Kritik ist eigentlich gut ausgefallen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der Weinbau in Indien noch weit von dem in Europa entfernt ist.

Am nächsten Tag besteht Elke darauf, weiter zu fahren: die Schmerzen seien nicht so schlimm. Tatsächlich fahren wir heute durch ein Rebenmeer, das allerdings aus 95% Tafeltrauben besteht. Was uns wundert ist, dass alle Weintrauben in Zeitungspapier am Weinstock eingepackt sind. Nach Angaben eines Weinbergarbeiters soll die Verpackung gegen Krankheiten und Sonnenbrand schützen. Da muss ich doch einmal an die Pfälzer Winzer denken. Mal angenommen, die Pfälzer Winzer würden nach der gleichen Methode arbeiten. Es wäre Herbst und sie wären immer noch mit dem Einpacken beschäftigt; man darf gar nicht ans Auspacken denken. Zur Zeit der Ernte, die jetzt gerade voll in Gang ist, lässt man beim Auspacken einfach die Millionen Blätter von Zeitungspapier auf den Boden fallen und der Wind trägt sie durch die Felder, Straßen und Häuser - und wir fahren wieder einmal mitten durch. Überall an den Straßenrändern werden Weintrauben zu Rosinen getrocknet: man legt sie auf große Planen und lässt sie in der prallen Sonne trocknen. Jede Viertelstunde gehen ein paar barfüßige Arbeiter durch die Trauben, um sie mit ihren Händen zu wenden. Drum herum stehen Hunde und heilige Kühe, die versuchen, etwas von den süßen Trauben abzubekommen. Nimmt man einmal die vielen Fliegen dazu, so sieht das alles zwar sehr unappetitlich aus, aber sind die Trauben erst einmal vollständig getrocknet, schmecken sie sehr gut.

Nachdem wir das Weinanbaugebiet verlassen haben, kommen wir durch Baumwollfelder so weit das Auge reicht. Baumwolle ist zwar nicht schwer, gestaltet sich aber transportmäßig sehr schwierig. Man hat dafür überdimensionale Säcke genäht, die auf LKWs manchmal die gesamte Straßenbreite einnehmen, was für uns so viel heißt wie: runter von der Straße! Wir kommen in die Kleinstadt Dhar an. Sie hat 'nur' knapp eine Million Einwohner und ich finde mit absoluter Sicherheit wieder einmal die dreckigste und übelriechendste Unterkunft. Nachdem wir in dem einzig auffindbaren Restaurant etwas gegessen haben, fühlt sich Elke nicht sonderlich gut. Am nächsten Morgen hat sie eine leicht katzengraue Farbe angenommen und als sie im Hintergrund die Würgeengel hört, verfärbt sie sich grün. Mir wird klar, hier müssen wir schnellstens 'raus. Ich finde eine neue Unterkunft mit einem großen, hellen, sauberen und wohlriechenden Zimmer und einer intakten Toilette - direkt am Busbahnhof. Der Besitzer versichert mir sofort, dass er nichts mit dem hohen Geräuschpegel zu tun hätte; na gut, denke ich, man kann ja auch nicht gleich alles auf einmal haben. Nach drei Tagen hat Elke wieder eine gesunde Gesichtsfarbe, die Magen-Darminfektion ist überstanden und die Regenbogenfarben am Oberschenkel gehen so langsam ins Bräunliche über.

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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