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Mumbai (Bombay) - Drei Tage XXL

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
Elke und ich schlafen, seit wir von Goa losgefahren sind, zum ersten Mal so richtig aus. Danach wird ausgiebig gefrühstückt, bevor wir ganz locker die nur 11 Kilometer zum Ablegepunkt der Fähre in Angriff nehmen. Der Besitzer des Hotels erzählt uns kurz vor der Abfahrt, dass es zwei Ablegestellen gibt, da die eine Fähre nur Passagiere mitnehmen darf.
Also radeln wir los, bis man uns 3 Kilometer vor der ersten Ablegestelle erklärt, dass wir total falsch wären und zur zweiten Ablegestelle müssten. Diese liegt nur 15 Kilometer außerhalb. Es ist glühend heiß, Elke und ich sind am fluchen und schwitzen. Endlich nach Bergen und Schotterpiste erreichen wir nach über einer Stunde die Fähre. Wir haben Glück, sie steht zur Abfahrt bereit. Wir zerren unsere schwer beladenen Räder eine lange Treppe hinunter. Als wir sie gerade auf die Fähre heben, erklärt man uns, dass diese Fähre nicht nach Mumbai geht. Ich spüre wie in mir der Adrenalinspiegel steigt und ich muss aufpassen, dass ich keinen Wutanfall bekomme. Freundlich bekommen wir erklärt, das die Fähre nach Mumbai zirka 15 Kilometer auf der anderen Seite ablegt und zwar genau da, wo wir gerade herkommen. Wir schwingen uns auf die Räder und radeln zähneknirschend zur ersten Ablegestelle zurück. Nach 43 Kilometern stehen wir völlig ausgebrannt vor der Fähre und haben unsere Tickets, von je 18 Rupien, in der Hand. Da die Fähre nicht direkt am Pier anlegen kann, müssen Elke und ich unser gesamtes Gepäck samt Rädern über zwei Boote tragen. Endlich haben wir es geschafft, alles ist auf der Fähre, als mich ein alter zahnloser Mitarbeiter anspricht und 100 Rupien für unsere Fahrräder verlangt. Das ist absoluter Wucher! Ich schaue ihm in die Augen und überlege, wie ich diesen Halsabschneider umbringen könnte. Die Fähre hat schon abgelegt mit Kurs auf Mumbai. doch der Zahnlose lässt nicht locker. Ich greife in die Hosentasche und halte ihm 50 Rupien hin, woraufhin er sich tierisch empört. Ich stecke das Geld wieder ein, drehe mich um und beachte ihn gar nicht mehr. Nach einer Viertel Stunde steht er wieder vor mir und nervt. Ich greife in meine Hose und hole wieder die 50 Rupien heraus und sage zu ihm: 'Das ist deine letzte Chance!'. Schnell greift er sich den Schein, womit er sichtlich sehr zufrieden war. Ich kann sehr gut verstehen, dass die Jungs, bei so wenig Verdienst, sich etwas zusätzlich verdienen müssen, aber bitte mit Maßen. In Mumbai gibt es eines der höchsten durchschnittlichen Tageseinkommen Indiens, und das liegt bei 134 Rupien pro Tag. Das sind ungefähr 2,43 EUR, das Dreifache des landesweiten Durchschnitts.

Von weitem kann ich die Skyline von Mumbai erkennen. Über ihr hängt eine riesige Dunstglocke. Wir schlängeln uns vorbei an Öltankern und Luxusschiffen direkt auf das 'Gateway of India', das Wahrzeichen Mumbais, zu. Es ist schon ein gewaltiger Anblick. Tausende von Leuten gehen hier an der Strandpromenade spazieren, alle warten sie auf den Sonnenuntergang. Direkt hinter dem 'Gateway of India' steht das teuerste Hotel 'Taj Mahal Palace', das mit 500 US-Dollar pro Nacht deutliche und klare Akzente setzt. Erst vor ein paar Monaten waren hier bei einem Bombenanschlag viele Menschen ums Leben gekommen. Da stehen wir nun und wissen nicht wohin. Wo um alles in der Welt schläft man in einer der teuersten Städte der Welt? Da sprechen uns zwei etwas heruntergekommene Jungs an. Für ein paar Rupien wollen sie uns helfen, eine günstige Unterkunft zu finden. Schließlich bekommen sie auch eine kleine Provision. Die ersten Unterkünfte sind zwischen 1500 und 3500 Rupien einfach viel zu teuer, außerdem haben sie keinen Platz für unsere Fahrräder. Der Glaube an ein einfaches Bett fängt langsam an zu schwinden, als wir plötzlich vor dem 'Salvation Army Red Shield Hostel' stehen, auf deutsch der Indischen Heilsarmee. Der Chef des Hauses, der hier für die Bettenverteilung zuständig ist, erklärt mir, dass sie vollständig ausgebucht sind, was ich ihm irgendwie nicht so richtig abnehme. Ich schließe die Tür seines Büros hinter mir, setze mich vor ihn hin und versuche ihm klar zumachen, dass wir mit dem Fahrrad sein Land bereisen, nicht viel Geld besitzen und nur er uns helfen kann. Sofort spürte er seine Machtposition. Lächelnd lehnt er sich zurück und sagt: 'Ok, ich habe da noch ein Dreibettzimmer für 600 Rupien mit Frühstück. Das könnt ihr so lange haben bis eine Reservierung herein kommt, danach müsst ihr gehen.' Mir fällt ein Stein vom Herzen, am liebsten würde ich den Kerl umarmen. Nun wohnen wir genau hinter dem stark bewachten 'Taj Mahal Palace', von wo aus wir den größten Teil der Innenstadt zu Fuß erreichen können.

Am Abend stehen wir nun in einer Metropole, in der fast 17 Millionen Menschen leben, eine Stadt der Superlative mit einer Bevölkerungsdichte von sage und schreibe 29.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. Es gibt alleine 40.000 traditionelle, schwarze, zugelassene Oldtimer-Taxis und der Bahnhof 'Chhattapati Shiraji' hat eine Tagesbesucherfrequenz von unglaublichen 2,5 Millionen Menschen. So etwas war sogar für Elke und mich ein neuer Rekord. Diese Stadt ist faszinierend und abschreckend zugleich. Ich möchte Mumbai einmal mit Manila und Bangkok vergleichen: entweder man hasst diese Stadt oder man liebt sie. Am ersten Morgen werden wir durch lautes Gerede und Zurufe geweckt. Was wir nicht wussten ist, dass Studenten bei der Heilsarmee morgens die großen Gemeinschaftsduschen benutzen dürfen. Nach dem Frühstück mit einem hart gekochten Ei, was mir schwer im Magen liegt, machen wir unseren ersten Rundgang durch die Stadt. Elke hat einen Stadtplan mit den besten Sehenswürdigkeiten und den schönsten Plätzen Mumbais in der Hand. Wir laufen vorbei am 'Royal Mumbai Yacht Club' direkt auf den 'Regal Circle' zu, von wo aus man einen tollen Blick auf die umliegenden Bauten hat. Darunter das alte 'Sailors Home' aus dem Jahre 1876, das jetzige Hauptquartier der Polizei. Folgt man der 'Mahatma Gandhi Road', so kommt man an den wundervoll restaurierten Fassaden des 'Institue of Science' vorbei. Gegenüber beeindruckt das 'Prince of Wales Museum' mit einem großartigen Gebäude. das sich vom Vorgarten aus am besten bewundern lässt. An Bibliotheken, Museen, Synagogen, der 'St. Thomas-Kathedrale' und der Universität von Mumbai vorbei erreichen wir nach dreieinhalb Stunden die andere Seite der Halbinsel. Schon von weitem ist ein zwei Kilometer langer Strand zu erkennen. Im ersten Moment spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht baden zu gehen, doch was ich da sehe verschlägt mir den Atem. Von überall her werden riesige Abwasserrohre mit einer schwarzen, stinkenden und in den Augen beißenden Flüssigkeit ins Meer geleitet. Noch keine 100 Metern entfernt sehen wir Fischer, die mit Netzen versuchen, in dieser Brühe Fische zu fangen. Der Sandstrand ist übersät von Papier und Plastikmüll, zwischen drin zerlumpte Menschen, die nach Essbarem suchen. 'Jetzt reichts', sage ich zu Elke, und das soll die Touristikroute sein? Dann wollen wir doch mal schauen, wie die Menschen hier wirklich leben.

Ich schmeiße den Stadtführer auf einen Müllhaufen und biege ohne Orientierung in eine Seitengasse ein. Wir laufen direkt auf einen Bahnübergang zu, der in 8 Metern Höhe über 10 Gleise führt. In der Mitte bleibe ich stehen und beobachte die unter mir hindurch fahrenden Züge. Sie sind so vollgestopft, dass sich ganze Menschentrauben außen an den Gittern der Fenster festhalten. Links und rechts der Bahngleise können wir Familien beobachten, die hier ihre Wohnungen in Form von Wellblechteilen zusammengestellt haben. Sie haben weder eine Toilette noch fließendes Wasser. Wir laufen weiter durch enge Gassen, wo es drunter und drüber geht. Uns kommen Straßenverkäufer entgegen, die ihre alten schwer beladenen Holzkarren an uns vorbei ziehen, Schuhputzer und verkrüppelte Bettler, die uns ständig ansprechen, Wasserverkäufer, die versuchen zwischen Kühen und Hunden, hupenden Mopeds und Autos unbeschadet durch zu kommen. Ich schlage Elke vor, eine Rast einzulegen und irgendwo einzukehren, um eine Kleinigkeit zu trinken oder zu essen. Die erste von weitem gut aussehende Chai-Kneipe hat außen ein großes Schild angebracht: 'Spucken verboten', woran sich fast jeder hält. Das können wir daran erkennen, dass alle paar Minuten jemand neben der Treppe direkt an die Hauswand spuckt. Ohne Worte verzichten wir auf unseren Chai. Am späten Nachmittag kommen wir völlig fertig und entnervt von unserem Stadtrundgang zurück.

Bei einem Kaffee versuchen Elke und ich, das Erlebte zu verarbeiten. Nachdem wir frisch geduscht haben, laufen wir zum bunten 'Colaba Market'. Hier gibt es neben Schmuckläden auch viele Obst- und Gemüsestände und auch einen Nachtmarkt. Wir erfreuen uns an einem frisch gepressten Mangosaft bevor wir in ein sehr sauberes, muslimisches Restaurant einkehren. Vorweg essen wir frisch gebackenes Knoblauchbrot dazu mit Gemüse gefüllte Teigtaschen und Frischkäse von der Ziege. Anschließend gibt es rote gekochte Linsen mit Kartoffeln und zu guter letzt einen frischen Naturjoghurt mit einem Fruchtsalat. Auf dem Rückweg kommen wir an einigen Kinos vorbei, in denen die heißgeliebten, indischen Bollywood-Filme gezeigt werden. Mumbay ist das glitzernde Epizentrum von Indiens riesiger hindisprachiger Filmindustrie. Pro Jahr wirft Bollywood mehr als 900 Streifen auf den Markt, mehr als alle anderen Städte auf der Welt. In fast jedem Restaurant, Kneipe, Haushalt und den noch so verfallenen Hütten laufen diese völlig unrealistischen und schnulzigen Filme rund um die Uhr. Die Zeit der Nachtschwärmer ist gekommen. Wir hören laute Musik aus Diskotheken und Nachtclubs, junge Leute tanzen ausgelassen bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen werde ich schon sehr früh vor Sonnenaufgang wach. Ich ziehe mich leise an und schleiche mich aus dem unserem Hostel. Es ist noch alles gespenstig grau, die Straßenfegerinnen kehren mit langen Palmwedeln den ganzen Müll auf kleine Haufen zusammen, um ihn anschließend anzustecken. Beißender Plastikgestank liegt in der Luft. Auf den Gehsteigen liegen schlafende Familien mit ihren halb nackten Kindern, zugedeckt mit Plastikplanen. Über ihnen riesige Plakate vom Lifestyle Indiens: telefonierende, lachende, gut aussehende Menschen, die gerade ihr neues Heim beziehen oder in ihr neues Auto einsteigen. Ich stehe fassungslos davor und bin den Tränen nahe und frage mich: 'Was ist das für eine Welt?' Als ich zurückkomme, teilt mir mein Freund und Chef der Heilsarmee mit, dass eine Reservierung vorliegt und wir morgen ausziehen müssen. Elke und ich treffen die Vorbereitungen und packen alles zusammen. Um Punkt 6 Uhr soll es losgehen. Wir wissen genau, was auf uns zukommt, doch keiner redet darüber ...

Die Straße führt über 80 Kilometer nach Norden durch die Elendsviertel hindurch heraus aus der Stadt. Von den 17 Millionen Einwohnern leben über 55 Prozent in den Slams der Außenbezirke Mumbais und genau da radeln wir durch. Es ist sehr schwer, alles zu beschreiben, was jeder von uns an diesem Morgen sieht, doch eins ist sicher: Wir werden dieses Menschenunwürdige niemals vergessen. Elke radelt wie der Teufel. Ich habe das Gefühl, sie will nur eins: nichts wie raus aus diesem Elend und Chaos. Als ich so in brühender Hitze dahinradle, versuche ich die letzten drei erlebten Tage zusammenzufassen. Dabei fällt mir eine nette Geschichte aus dem Lonely Planet ein: 'Man nehme einen Teil Hollywood, sechs Teile Verkehr und ein Bündel reicher Power-Moguln. Darunter mische man ein halbes Dutzend koloniale Überbleibsel und füge sechs gehäufte Tassen Armut hinzu ergänzt durch diverse Bars und Restaurants - nicht zu vergessen Chaos und Ordnung zu gleichen Teilen. Dann füge man reichlich uralte Basare hinzu. Mit einer Hand voll Hinduismus und einer Prise Islam abgeschmeckt. Anschließend Elemente aus allen Teilen Indiens unterheben und das ganze zusammen mit einer ordentlichen Dosis Umweltverschmutzung in einen Mixer werfen, der auf höchster Stufe läuft. Heraus kommt: Mumbai

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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