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Juppies, Hippies, Grufties und Junkies

Hallo Ihr lieben Zuhause Gebliebenen ...
In Indien braucht man garantiert keinen Wecker. Sobald der Morgen graut, fangen nicht nur die Vögel an zu singen, nein, jeder, der einen fahrbaren Untersatz hat und eine intakte Hupe besitzt, probiert aus, ob sie auch wirklich noch funktioniert. Deshalb stehen Elke und ich schon um 7 Uhr an der Fähre, die uns über den Mandovi-Fluss bringt. Wir stehen mit hunderten von Menschen, die meisten mit Mopeds und warten auf die Fähre, die von weitem wie ein total überfülltes untergehendes Floß aussieht.
Ich sagte zu Elke, da gehen wir niemals alle drauf und ich hätte alles verwettet! Gut, dass niemand mit mir gewettet hat! Eine halbe Stunde später radeln wir auf der anderen Uferseite in Richtung Calangute und Baga. Hier entstand in den 60er Jahren die erste große Hippie-Szene Indiens. Sie hielt sich bis in die 90er Jahre, danach mußte sie der Schwemme der Pauschaltouristen weichen und sich weiter nach Norden an ruhigere Orte verlagern.

Die Strände hier sind gnadenlos überfüllt, sie sind das Mekka indischer Reisender, hier ist es nur laut, hektisch und kitschig, nichts wie weg. Wir radeln weiter, vorbei an Anjuna, wo wir den berühmten Mittwochsmarkt vor zwei Wochen besucht hatten, noch 35 Kilometer bis nach Arambol. Hier soll es sie noch geben, die Hippies aus meiner Jugendzeit, diese abgefahrenen Leute, die sich keinem Gesetz beugten, lebten wie Zigeuner oder Vagabunden. Sie lebten ein freies und sehr einfaches Leben und scherten sich einen Dreck darum, was andere Leute machten. Ich hatte schon immer eine Bewunderung für solche mutige Aussteiger und jetzt war ich hier und wollte sie sehen.

Die Hauptstraße besteht links und rechts aus Läden, die fast alle das Gleiche verkaufen, Tücher, Sarongs in den buntesten Farben und immer wieder ein Arsenal von Pfeifen für Haschisch und Opium. Zwischendrin einige Lebensmittelläden, Internetcafés und Restaurants aller Kategorien. Im Gästehaus Laxmi finden wir bei dem freundlichen Besitzer Cham eine nette schmuddelige, billige Unterkunft. Der Vorteil ist die Nähe zum Strand, versicherte mir Cham. Damit hatte er auch zweifelsohne recht. Was er nicht erzählte, war, dass wir jedesmal durch eine übel riechende Müllhalde laufen mußten, wo viele Einheimische ihren Abfall verbrannten und ihre Notdurft verrichten.

Der drei Kilometer lange sichelförmige Sandstrand verläuft sehr flach ins Wasser und endet in einer herrlichen Felsenbucht. Er wird gesäumt von mehreren einfachen Strandhütten aus Bambus und geflochtenen Palmendächern, die Meeresfrüchte und Bier anbieten. Die schrägen und baufälligen Hütten sind fast alle direkt in den Sand gebaut, was den Vorteil hat, dass man immer barfuß herumlaufen kann. Ich finde, das hat so was Freies, allerdings sind die Füße nach 8 Tagen pechschwarz und kaum wieder zu erkennen.

Den ersten Sunset genießen wir im Sand, direkt am Meer, zum Wellenrauschen schlürfen wir ein eiskaltes Bier. Vor den Bars wird bei lauter Musik Volleyball gespielt, überall am Strand sitzen meditierende Leute, die ins Meer starren, oder welche, die sich in Yoga oder Tai Chi üben. Viele laufen mit extremen Tattoos und gepiercten Oberkörpern herum. Andere wiederum betreiben Paragliding und das faszinierende Kitesurfing.

Nicht weit von uns versammelt sich eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Rastalocken, sie haben Bongos mitgebracht, die sie mit ihren Händen bearbeiten, als wollten sie die Dinger zu Brei schlagen. Von weitem sehen wir eine hübsche, knackige Dame auf uns zu kommen, sie ist nur bekleidet mit einem russischem Offiziershut und einem Kettenhemd, was hier niemand zur Kenntnis nimmt. Den Höhepunkt dieses Abends bildet jedoch eine grauhaarige Schweizerin im Alter von 74 Jahren, die ihr Alphorn von zirka vier Metern aus der Schweiz mitgebracht hat. Sie legt sich locker in einen Liegestuhl, legt das Vorderteil des Alphorns in den Sand, das Mittelteil zwischen ihre Fußzehen und führt das schmale Mundstück an die Lippen. Was wir dann zu hören bekommen, ist einfach nur grandios und das zum Meeresrauschen. Unbeirt spielt sie zwischen den Bongos bis zum Sonnenuntergang, eine unglaubliche, elektrisierende Stimmung... Als sie fertig mit spielen war, sprach ich sie Kopf schüttelnd an, wie um alles in der Welt sie dazu komme, in Indien am Strand Alphorn zu spielen? Sie sagte: "Andere spielen Mundharmonika, Didgeridoo, Gitarre, Flöte oder Bongos, was ist schon dabei. Dieses Alphorn gehörte meinem verstorbenen Mann und eines Nachts träumte ich, ich müsse um die Welt reisen und dieses Alphorn an den schönsten Plätzen der Welt spielen." "Respekt", sagte ich ihr und gratulierte ihr zu diesem Mut.

Die Sonne war schon längst untergegangen, als Elke und ich zum Restaurant Alt-Buddha essen gingen. Elke bestellte sich ein Spezial Goan Thali, eine Auswahl verschiedener Currys, bestehend aus einem Fisch-, Gemüse- und Rindfleischcurry und ich den besten Alloo Palak, den ich je gegessen habe. Kartoffel in Rahmspinat mit gebratenem Knoblauch, Zwiebeln und Ingwer, dazu Jeerareis mit frischem Kardamon, besser hätte es meine Mutter nicht machen können. Das Einzigste, was dazu noch fehlte, waren drei zarte in Butter gebratene Spiegeleier. Diese verrückte Welt gefällt mir, hier bleiben wir eine Weile , sagte ich zu Elke und schlief unter dem ratternden Fan ein.

Sobald es hell wird, sind Elke und ich am Strand, beim Dauerlauf oder beim Schwimmen, das Wasser ist am Morgen sehr erfrischend. Wir beobachten eine kleine Gruppe springender Delphine, die wir fast jeden Morgen sehen können, danach geht‘s ab zum Frühstück. Ich esse wie immer, wenn es möglich ist, meine obligatorischen Spiegeleier, nur auf einer Seite gebacken, also mit der Sonne nach oben, was hier anscheinend niemand versteht. Die liebevoll gelegten Eier werden in schwimmenden Fett ungeachtet angebraten und dann brutal herum gedreht. Danach weiter gebraten, bis sie die Festigkeit einer Frisbeescheibe erlangen, bei solch einem Anblick ist bei mir die gute Morgenlaune dahin. Tagsüber machen Elke und ich lange Strandspaziergänge, zwischendurch springen wir immer wieder in das kühle schäumende Meer und nachmittags kehren wir zu erfrischenden Drinks in die zahlreichen Strandhütten ein. Am späten Nachmittag stellen wir uns wieder auf einen guten Sunsetdrink ein, um anschließend wieder gut essen zu gehen. Nach dem Abendessen, so gegen 21 Uhr geht‘s los mit der Livemusik, irgendwo in einer Beachbar, hier treffen sich Musiker von überallher, die sich unentgeltlich einbringen, jeder gibt etwas zum besten. Elke und ich liegen nicht weit davon im Sand, lauschen der Musik, schauen in den Sternenhimmel und träumen in die lauwarme Nacht.

Ich muss gestehen, dass man sich an solch ein Lotterleben sehr schnell gewöhnen kann. Das anstrengende Fahrradfahren war in weite Ferne gerückt. Ich wollte Goa nicht eher verlassen, bevor ich nicht einen übrig gebliebenen Hippie gesehen hatte. Am nächsten Tag saßen wir neben einem Guru, in orangem Gewand und langen grauen Haaren. Er trank Coca Cola, aß eine Pizza und telefonierte dabei und als er aus seinem Leinensack einen Laptop hervor holte, war mir klar, dass auch die Jungs nicht auf dem alten Stand stehen geblieben sind. Was mir auffiel, waren die vielen älteren gut gepflegten Herren auf ihren 350er Bullet Royal Enfield und hinten drauf meistens ein hübsches Mädel. Waren das etwa meine Hippies von früher, keine Spur mehr von zerlumpten und verwegenen Zigeunern?

Eines Nachts zog ich ohne Elke los, ich schlich wie eine Katze von Bar zu Bar. Auch hier keine Hippies, nur herunter gekommene Junkies, die verklebt, verdreckt und zugekifft waren, bis unter die Haarwurzel. Diese Leute bekommt man tagsüber nicht zu sehen, sie fallen unter die Nachtschattengewächse. Am nächsten Morgen sage ich zu Elke; lass uns zusammenpacken, damit wir morgen in aller Frühe losziehen können, wenn wir den Absprung jetzt nicht schaffen, kommen wir hier überhaupt nicht mehr weg.

Während ich bei Cham meine Übernachtungskosten begleiche, versuche ich mit ihm über das Umweltproblem zu diskutieren. Ich frage ihn wie denn das kleine Dörfchen Arambol die Unmengen von Plastikabfall am Straßenrand und in den ausgetrockneten Flußläufen beseitigen wolle. Denn wenn das so weiter geht, versinkt Arambol demnächst im stinkenden Dreck und kein Urlauber wird sich hierher wagen, schließlich würde es ja auch ihm schaden. Da fängt Cham laut an zu lachen und sagt, "No Problem, no problem". Wenn im Juni der Monsun kommt, dann werden alle Straßenränder und alle Flüsse vom vielen Wasser gesäubert, das ganze Plastik wird ins Meer geschwemmt und im November, wenn die neuen Urlauber kommen, ist alles wieder frisch, grün und sauber. Dabei musste er so laut lachen, das ich fast mitgelacht hätte, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. So wie Cham denken leider viele Menschen auf dieser Welt, da nützen auch die besten Umweltbeschlüsse nichts, wenn man sie nicht in die Tat umsetzen kann.

Das alles ist demnächst in unserem neuen Buch
"Weinschmitt's kulinarische Weltreise" zu lesen ...

Mit den liebsten Grüßen
Die Weinschmitts
Elke und Louis

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